Der Finanzjude – mal wieder – muss man sagen.

Bild eines Kopfes mit extrem langer Nase, Zylinder.

Echte Parasiten?

Kürzlich erst gab ich ja meinen Senf zur Frage, ob die Darstellung des Facebookgründers Zuckerberg eine antisemitische Gesinnung offenbart. Vorgestern stolperte ich auf Google+ über einen Eintrag der mir arg antisemitisch aussah, worauf ich mich fragte, ob ich den Verbreiter aus meiner Liste kegeln muss und wie er da überhaupt reingeraten sei. 

Das Bild hatte der Mensch von hier weitergeteilt, kritisiert fand ich es hier. Ich suchte einmal nach dem Urheber des Zitats, Herrn Prof. Jason Read und zweitens nach dem Bild selbst.

Interessanterweise kann ich meine erste Bildersuche nicht reproduzieren. Sie führte neben 3 Seiten mit Beiträgen mit dem Bild auch eine Schlagwortserie auf, ich weiß gar nicht mehr ob englisch oder deutsch, aber mit den Schlagwörtern Jude, gierig, usw.

Aber lasst mich erst das Bild im Kontext aus meiner Sicht beschreiben: Es zeigt ein Gesicht im Profil, männlich, alt und faltig, sehr grob gezeichnet und mit einer sehr langen, buckligen Nase. Umgekehrt proportional zur Verwendung des Begriffs Hakennase und Judennase ist die Zahl der Fälle, in denen man vor mir von einer solchen gesprochen hätte mit Anschauungsmaterial. Ich könnte verschiedene Haken malen, aber mit der Hakennase haben sie wenig zu tun. Zuletzt ist in mir die Gewissheit gereift, eine schwulstige Nase müsse gemeint sein, wie wenn man eine 6 malt – allerdings hängt das natürlich stark vom Font ab. Die Nase bei der Zuckerbergkarikatur war dagegen mehr schmal und lang, wenn auch mit Höcker. Es kann natürlich sein, dass die Polemiker und Zeichner selbst nicht wissen, wie eine Hakennase auszusehen hat, und sich so verschiedene Legenden verbreitet haben. Es ist aber nicht so wichtig, hier, denke ich, denn die Länge der Nase spricht für sich.

Dazu der Zylinder, der den Kapitalisten kennzeichnet und die Überschrift vom wirklichen Parasiten – das muss eigentlich einen zivilisierten und halbwegs gebildeten Deutschen aufschrecken, finde ich. Im Ausland, wo man sich weniger mit dem Holocaust befasst hat, mag das nicht so präsent sein.

Beim Überfliegen der von Google gefundenen Stellen sprang auch, außer der, die sich kritisch damit befasst, keine ins Auge, die weitere Anhaltspunkte auf Antisemitismus geliefert hätte. Schließlich konnte Google eine Stelle finden, die das Bild ohne Text zeigte. Von da suchte ich weiter und fand weitere Bilder ohne den Text. Während das Bild mit Text als ältesten Fund, soweit sich auf die Schnelle (der Fundstellenübersicht von Google selbst) kontrollieren ließ, 2009 lieferte gelangte ich so zu meinem eigenen SVG-Depot, wo es ohne den Text 2006 eingestellt wurde.

Der User johnny_automatic hat eine Unzahl an Bildern eingestellt, so viel, dass ich denke er könne das automatisiert oder teilautomatisiert haben, wie ja sein Nickname auch andeutet. Er selbst hat es mit ganz unschuldigen Tags versehen:  , , , , , , , , , , , . Ziehen wir die überflüssigen ab, die eh für jedes Bild dort zutreffen (image, svg, …) bleibt übrig: capitalist, greed, greedy, man, people . Kein Wort von einem Juden, auch kein Parasit. Aber aufschlussreich die Beschreibung:

A caricature of what looks to me as a greedy man or maybe a Capitalist from a Soviet Union propaganda poster. Works published by the Union of the Soviet Socialist Republics before 27 May 1973 were not protected by International Copyright Conventions and are thus in the public domain. 

Leider wissen wir nicht, wo wir das SU-Propagandaposter im Web oder sonstwo finden – kein Künstler, kein Jahr genannt, lediglich „vor 1973“ wissen wir jetzt. Gut – gegen Kapitalisten gab es zweifellos Propaganda. Dass es dort auch Antisemitismus gab und auch staatlichen ist auch nicht unbekannt – mir fehlen allerdings weitere Details. Bekannt sind mir unfruchtbare Diskussionen über Israels Rolle im Nahen Osten und die Frontstellung der Supermächte des kalten Kriegs, und da gab es häufiger Andeutungen über jüdische Banken in den USA, Vernetzungen, Lobbyismus und von da war die Diskussion meist zu Ende: Die Antisemitismusdebatte begann und wurde bis in die frühen Morgenstunden fortgesetzt. Sehr unergiebig das ganze.

Ich sehe jedenfalls keinen Anlass die Quelle anzuzweifeln.

Die Verwenderin, von der meine Quelle bei G+ das Bild hatte, bezeichnet sich selbst im „über mich“-Teil übrigens als „I’m a liberal. Left of left. I love my president“, hat über 6.500 Follower, einen Sticker „women for democrats“ auf der Seite und publiziert offenbar um die 100 Beiträge pro Tag – Bildchen mit Sprüchen wieso Republicans doof sind mit mehr oder weniger Witz und Geist.

Im Zuge der Finanzkrise sind ja viele Leute neu auf den Zug der Kapitalismuskritik aufgesprungen, ohne zu wissen dass die Diskussion um den Zins eine uralte ist, die schon zu Marx‘ Zeiten umging. Sie ist aber nicht selbst marxistisch, denn sie sieht einen Hauptwiderspruch zwischen produktivem Kapital mit dem Waren hergestellt werden (Brot, Bibeln, Autos, Panzer, Frisuren, Armwackelkatzen, Banken) und sog. virtuellem Kapital, das nur auf Geldmärkten hin- und hergeschoben wird, während der Marxist nur den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit kennt.

Wir wollen diese Diskussion hier nicht aufnehmen, aber es lohnt sich bei jedem, der spitz auf den Zins losgeht in seiner Kapitalismuskritik zu schauen, ob da am Boden nicht ein brauner Sumpf lungert. Christliche und islamische Strömungen haben meines Wissens den Zins zeitweise abgelehnt – da spielt die Religion rein. Teilweise wurden so jüdische Händler ganz automatisch zu den einzigen und damit erfolgreichsten Geldverleihern.

Diese Korrelation aber mit Gier zu erklären und die Juden als Parasiten zu beschreiben ist unabhängig wie man zur Diskussion über den Zins steht das alte Sündenbockspiel. Am 12.4. veröffentlicht fand das Bild nur 15 Upvotes wurde aber 27x geteilt. Der Account der Frau hat über 20 Mio. Besuche verzeichnet. Das Bild bekommt man wohl nicht mehr eingefangen, aber auf openclipart.org habe ich die Quelle angesprochen, und will mal sehen, ob sie es löscht.

 

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Ein Gedanke zu „Bildkritik, der Finanzjude

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