Carlos Santana in Potsdam

 – Carlos Santana in Potsdam – 

Am Samstag war ich nachmittags wieder auf einem Zeichenmeetup im Cafe Hardenberg verabredet und wusste noch nichts von meinem Glück. 

Einer der Zeichengenossen, der die Zeche eines Sprudels prellte, womöglich ohne Absicht, er ging früher und am Ende war dieser offen, erzählte, dass in Potsdam die Stadtwerke ein Festival organisieren wie jedes Jahr, und am gleichen Tag würde Carlos Santana spielen, und nicht nur das, sondern auch noch für lau. Ich war aber schon mit einem Freund, der nur 1-2 Mal im Jahr nach Berlin kommt, verabredet für 21:00 Uhr bei mir, davor würde Cindy Lauper spielen, was mich nicht sonderlich elektrisierte, aber Santana gehört zu meinen Top 10 – vielleicht sind es auch 12, aber bisher hatte ich auch alle Gelegenheiten verpasst oder verstreichen lassen ihn zu sehen.

Der Freund ist im Gegensatz zu mir, der ich eher heikel bin, was Musik betrifft, sehr offen für alle möglichen Stilrichtungen und Bands und hatte schon hunderte CDs, als diese noch das Medium der Wahl waren. Aber er hat inzwischen Familie mit kleinen Kindern und kam auch erst an, war zudem nur per SMS erreichbar während ich noch zu meiner Schwester nach Moabit wollte, am frühen Abend, ihrem Fahrrad einen Korb montieren, Geburtstagsgeschenke abliefern, Herrn Minos, die männliche Katze, mit der es zuende geht, ein wenig bemitleiden und gegrillten Lachs mit Gemüseallerlei und Nudeln verspeisen.

Weil sich Rico verspätete vertagten wir beide uns auf Sonntag mittag. Bei meiner Schwester verquatschte ich mich dann etwas und radelte so gegen 20 vor 9 von ihr los, noch eine Spur flotter als sonst. Kurz vor 9 war ich dann zu Hause, den Rucksack abgestellt, eine 1,5l Flasche Cola-Mix-Zero aus dem Kühlschrank geschnappt, die ÖPNV-Seite aufgemacht und geschaut, wann ein Zug geht, und da ich glücklicherweise an einer der S-Bahnadern Richtung Wannsee wohne, von wo aus es dann nach Potsdam weitergeht, war der dort ausgewiesene Zug für 21:06 wenn man nicht trödelt zu kriegen. Die Jeansjacke noch vom Haken geholt, die so große Innentaschen hat, dass man da auch so eine große Flasche unterbekommt, und los.

In Wannsee waren wir allerdings ein paar Minuten zu spät und der Anschluss fort, so dass ich noch 15 Minuten warten musste, was ich dann nutzte, um zu schauen, wann die letzten Züge zurück gehen. Da ich fast alles mit dem Rad sonst fahre war mir vorher nicht klar, dass, zumindest ab Wannsee, die ganze Nacht Züge verkehren.

In Potsdam dann wusste ich, in welche Richtung ich los muss, und welchen Ausgang nehmen. Von dort konnte man einfach dem Hauptstrom folgen, aber es kamen auch schon ein paar Barbaren und Kulturbanausen, die wohl dachten Cindy Lauper sei schon der Höhepunkt, zurück. Dabei hörte man die Trommeln und Gitarren Santanas bis in den Bahnhof hinein.

Es war dunkel, und da ich nichts von den seit über 10 Jahren stattfindenden Festivals wusste – ich kenne die falschen oder überhaupt zu wenige Leute – war mir das Gelände nicht vertraut. Von der Straße gab es eine Anhöhe bzw. Terrasse, die einige Leute erklommen, aber man war von dort zu weit weg, also wieder runter und auf’s Gelände.

Durstig vom Radeln hatte ich unterwegs in der S-Bahn die Flasche schon fast geleert. Irgendwo hatte ich aufgeschnappt, dass Glasflaschen nicht mitgebracht werden dürften und am breiten Einlass tasteten 10-15 Ordner die einströmenden Massen auch sporadisch ab. Ich konnte mich aber ins Fahrwasser einer Gruppe begeben, die an allen Ordnern vorbei einfach zielstrebig hineinschritt ins Gelände – vielleicht wurde aber auch nur niemand kontrolliert, weil keiner von uns eine Tasche oder Rucksack dabei hatte.

Im ersten Teil gab es viele Buden mit Bratwurst, Bier, Eis, Pizza, Pommes und Pfannkuchen, bzw. ganz in Straßennähe auch viele Buden die schon geschlossen waren. Später, im Netz, sah es so aus, als wären dort Kinderbelustigungen, die wohl v.a. Freitags und Sonntags genutzt werden bzw. tagsüber. Zwischen den Buden standen viele Biergartentische und -bänke, von denen aus man gar keinen Blick auf die Bühne hatte, nicht mal in Bühnenrichtung, ohne dass so eine Bude dazwischen war, aber es waren nur wenige Sitzplätze frei – etwa 100m von der Bühne weg.

Näher zur Bühne hin, so ab 75m etwa, hörten die Buden auf, und da stand das Volk dann auch dicht gedrängt. Mit meinen 172cm Körperlänge konnte ich die Musiker nicht sehen, nur deren Abbildung auf den Leinwänden links und rechts der Bühne (manche Fotos sind auch von der Leinwand abfotografiert, etwa der Baß). Ich sah dem geschenkten Gaul nicht weiter ins Maul und versuchte mich mit meiner Position anzufreunden. Das mit der Kamera nachts nicht mehr zu machen war, und bei ausgefahrenem 10fach-Zoom auch alles leicht verwackelt war auch abzusehen.

Dummerweise hatte ich vergessen Ersatzakkus und Nachfüllflüssigkeit für meine E-Zigarette mitzunehmen und so war da bald Schicht im Schacht. Da ich auch gerade eine Radikaldiät durchziehe (1kg Gewichtsverlust pro Woche, < 1000 kcal/Tag) waren die Fressbuden auch tabu. Aber mit der Zeit machte die Ebbe an der Konsumfront mich doch unruhig. Außerdem spielte Santana weniger die Klassiker, die ich von CD-LP kenne, sondern so mexikanisch-südamerikanische Weisen, schön und gut, aber nichts, wofür man einen Lungenflügel opfern würde. Ich schnorrte mir also eine Zigarette, in dem ich meinen Standpunkt aufgab, und über das Gelände im hinteren, freieren Bereich schweifte, und dabei kam ich auch nach weiter rechts, wo man, ohne der Bühne näher zu kommen, wohl weil es unmerklich leicht ansteigt, auch mit Kopfrecken für mich möglich war, bis auf die Bühne zu sehen, und dann kamen auch die Hits, Jin Go La Ba, Black Magic Woman – ich weiß auch nicht, was mit meinem Gemüt los ist, aber wenn ich die Titel hier aufliste schwemmt es mich schon weg, die Tränen schießen in die Augen – ist das Sentimentalität?

Und das Potsdamer Publikum, größtenteils distanziert, kein Tanzen, kein Mitsingen, kein Klatschen – nicht mal den Arsch bekommen sie von links nach rechts oder in die Gegenrichtung gewippt. Wahrscheinlich steckt bei zu vielen eine Pickelhaube drin.

Ich ließ mir die Laune nicht verderben und fiel etwas aus dem Rahmen, untermalte meine Ergriffenheit durch sporadisch ausgestoßene, spitze Schreie.

Oye Como Va, Boogie in the Morning (Aufnahme brutal abgeschnitten – aha, habe mich schon gewundert, dass es keinen zweiten Treffer auf YT gibt, offiziell heißt es Boogie Woman, so ungefähr hatte ich es auch im Kopf), …

Um 12:00 war dann leider Feierabend. Der Rückweg zum Bahnhof verlief zügig, und nach kurzer Zeit ging die Bahn kaum überfüllt ab, mit einem Gitarristen und einem Klarinettisten im Abteil, die weiter jammten. In Wannsee der Anschluss kam auch nach einer Minute. Steglitz stieg dann eine Idiotin ein, die von der Waldbühne kam, Ramstein – na, wer’s mag!

Um eins war ich zurück – in Berlin ist man doch eigentlich verwöhnt. Als ich noch in München wohnte musste ich bis Nürnberg/Zeppelinfeld, um Deep Purple kurz nach der Reunion zu sehen. Zuvor, aus der Provinz bin ich mal mit einem Freund auf der Vespa (50 ccm) bis Kaiserslautern zu einem Monsters-of-Rock-Festival gefahen, wegen Whitesnake, wo die Filetstücke von Deep Purple zwischenzeitlich geparkt waren, auf der Rückfahrt ging das Benzin aus, weil ich den gestiegenen Verbrauch durch die zweite Person nicht einkalkuliert hatte. Ein, zwei Stunden gelang es mir in einer Telefonzelle zu schlafen, schief eingerollt und vollkommen verspannt.

Die Beatles hatten sich schon getrennt, als ich ihre erste LP geschenkt bekam, Janis Joplin und Jimmi Hendrix waren sogar schon tot, als ich Lust hätte entwickeln können zu einem ihrer Konzerte zu gehen. Dass ich die Stones mal selbst sehen könnte, schon damit habe ich eigentlich nicht gerechnet, und jetzt auch noch Santana – eine Offenbarung.

Und das für 1,70, was Joels Wasser im Cafe Hardenberg gekostet hat, plus 2x 3,30 für ein ABC-Ticket der BVG – unfassbar.

Hope you’re feelin‘ better… (keine Aufnahme aus Potsdam)

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2 Gedanken zu „Carlos Santana in Potsdam

  1. dorotheawagner

    Wie – Du hast eine echte Zigarette geschnorrt und geraucht, ohne anschließend rückfällig zu werden? Das muß ich auch mal ausprobieren! Das Wasser im Café Hardenberg hat mit Santana übrigens nichts zu tun, das mußt Du vom Preis wieder abziehen. Bleiben 6,60 €.

    Antwort
    1. user unknown Autor

      Doch. Der Zechpreller hatte mich erst auf das Konzert aufmerksam gemacht, und ohne das hätte ich den Posten vielleicht nicht übernommen.
      Dass ich nicht rückfällig wurde führe ich auf mein Dampfen zurück.

      Antwort

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