– Flüchtlinge/Geflüchtete –

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 – Flüchtlinge, Lieblinge, Zwillinge? – 

Anatol Sefanowitsch hat auf seinem Blog einen Artikel (Flüchtlinge zu Geflüchteten? – Sprachlog) geschrieben, aber meinen Kommentar ohne Angabe von Gründen gelöscht. Auch auf Nachfrage reagierte er nicht. Glücklicherweise verfüge ich selbst über einen Blog und kann meinen Kommentar daher, zur Not, hier veröffentlichen.

Erst im Wortlaut* der nicht publizierte Kommentar, urteilen Sie selbst (falls Sie keinen zertifizierten Hofgutachter haben, der es Ihnen abnimmt)!

*) Die Zeichensetzung habe ich, beim nochmaligen Durchlesen, hier und da korrigiert, ich hoffe mit Erfolg.

Mich irritiert das Ansinnen, ein in verschiedenen Zusammenhängen gebrauchtes Wort wie „Flüchtling“ oder auch „Flüchtender, Flucht, …“ einen grundsätzlich positiven, neutralen oder negativen Beiklang zu attestieren oder besser anzudichten.

Wenn in der Presse und Literatur Flucht sich meist auf Verbrecher bezieht, die vor der Polizei flüchten, dann ist das vielleicht für die Mehrheit derer, die selbst keine Verbrecher auf der Flucht sind, negativ, aber ein Entführungsopfer, welches sich durch Flucht, sagen wir, von einem entlegenen Hof, damit die Flucht etwas dauert, flüchtend entzieht – das ist doch nichts Negatives!

Wieso sollte eine Flucht, die man positiv bewertet, ein anderes Wort bekommen als eine Flucht, die man negativ bewertet? Weil man sich immer wertend äußern sollte? Um dem Hörer/Leser gleich mit auf den Weg zu geben, wie er es bewerten soll?

Wieso kann die Bewertung dann nicht offen geäußert werden, wenn sie so dringend ist? Soll sie versteckt werden?

Wer „Geflüchtete“ sagt, der versteckt ja gerade nicht, dass er noch irgendwie seine eigene Position zu Flüchtlingsfragen grob kenntlich machen will.

Es geht also um die Darstellung der eigenen, politischen Zugehörigkeit zu einem Lager. Weite Popularität hat derartiges in den 70ern schon gefunden, als man entweder „Kernkraft“ sagte, weil das so kernig klingt, oder „Atomkraft“, weil es auf ungezwungene Weise an Atombomben erinnert, die nicht so populär waren. Ich meine, dass anfangs „Atomkraftwerk“ die übliche Bezeichnung, auch bei Befürwortern, war, aber bin da nicht sicher.

Meines Erachtens ist es einem kritischen Diskurs abträglich, wenn man seine Gesinnung durch die Wortwahl Ausdruck verleiht und erwartet, dass auch andere das tun. Es verleitet dazu, eine differenzierte Betrachtung dadurch zu entwerten, dass man sich dem Sprachdiktat einer Seite unterwirft.

Die Sprache selbst kennt nicht diese Unterscheidung von Begriffen, je nach Bewertung. Wenn man Bus* fährt heißt es Bus und wenn man vom Bus überfahren wird heißt es immer noch Bus.

Der Flüchtende ist in erster Linie jemand, der akut auf der Flucht ist. Er klettert über Absperrungen und entfernt sich von einem Ort der Unbill. Beim Flüchtling ist die Flucht vielleicht zu Ende – der größere Zusammenhang, vor etwas auf der Flucht zu sein dauert aber noch an.

Zum Beiklang von Abhängigkeit, den ~ling-Wörter oft haben sollen: Wieso soll denn die Abhängigkeit des Flüchtlings geleugnet werden?

Ich finde die oben genannten Ohren nicht sprachsensibel sondern sprachparanoid. Der Sprache werden magische Fähigkeiten angedichtet, die es durch Sprachvoodoo zu beseitigen gilt. Das wirkt auf mich ähnlich lächerlich wie eine Fronleichnahmsprozession.

Man hofft durch Sprachverrenkungen etwas für Flüchtlinge zu tun wie der Priester glaubt mit Gebeten was für Kranke zu tun.


 

Hier, nach der Linie, ist nicht mehr Teil des zensierten Postings, sondern meine Ergänzung einen Tag später.

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Ich will nochmal zurück auf die seltsame Argumentationslogik, mit der uns, und vielleicht auch sich selbst, Herr Stefanowitsch reinzulegen versucht.

Er sagt, vereinfacht gesprochen, dass es zwei Gruppen von ~ling-.Wörtern gibt, entweder sind sie abwertend wie bei ‚Häftling, Sträfling, Hänfling, Schönling‘ oder bezeichnen einen Abhängigen wie bei ‚Prüfling, Lehrling, Täufling, Firmling‘. Mit gleichem Recht könnte man aber einerseits behaupten, dass Prüfling, Lehrling usw. nicht abwertend ist, und Sträfling, Hänfling usw. nicht einen Inferioren bezeichnet, dass also beide Zuschreibungen nicht zwingend sind.

Er legt sich auch nicht fest, welche Kategorie auf Flüchtling denn jetzt zutreffen soll. Beide zugleich?

Außerdem gibt er keine Regel an, wonach es überhaupt gerechtfertigt ist, eine Wortendung, die zwei solche unterstellte Konnotationsgruppen zeigt, für geschlossen zu halten und zu vermuten, dass andere, in die Gruppenfindung nicht eingegangene Wörter, zwingend einer der Gruppen zuordnungsfähig sein muss.

Auch empirisch zeigt sich, dass massig Wörter existieren, die man nur mit Gewalt in einer der Gruppen  unterbringt: Zwilling, Pfifferling, Liebling, Keimling, … .

Was die Frage aufwirft, wieso Herr Stefanowitsch überhaupt auf die Idee gekommen ist, an dem Wort herumzudoktorn, ob es wirklich um die behaupteten Konnotationen geht, oder was seine wahre Absicht ist.

Das ist natürlich reine Spekulation meinerseits, aber als Sprachwissenschaftler müsste er doch eigentlich mehr Kompetenz zeigen als ich, der ich ein leidenschaftlicher Laie bin, aber ohne theoretische Bildung – ich würde ja nicht mal ein Akkusativobjekt erkennen, wenn es mir ins Auge springt, sondern bin froh das Wort schon mal gehört zu haben.

Meine Hypothese ist, dass es Stefanowitsch darum geht ein Wort aus der Sprache zu eliminieren, für das es kein Femininum gibt. Es ist Peter, der Flüchtling, und Inge, der Flüchtling – die Flüchtlingin geht nicht. Und damit ist das Wort ein Beleg dafür, dass es ein generisches Maskulinum gibt, und dass die Theorie, wonach das Studentenwerk Frauen sprachlich ausschließt und nur männliche Studenten meint, Humbug ist. Es gibt übrigens auch generische Feminina, wie ‚Die Person Peter und die Person Lisa‘, oder das Anhängsel ‚~kraft‘, Fachkraft usw. Und die sächlichen wie das Mitglied Peter und das Mitglied Lisa.

Nur war, bis vor kurzem, die politische Doktrin der feministischen Sprachreformer, mit umständlichen, unlesbaren Konstruktionen wie dem großen Binnen-I die Leute zum Stolpern zu bringen, Bewusstsein für die Benachteiligung von Frauen zu schaffen. Man sollte bei einem Text nicht über Flüchtlinge allgemein nachdenken, sondern speziell über weibliche Flüchtlinge. ‚Geflüchtete‘ ist aber eine Konstruktion wie ‚Studierendenwerk‘, welches das angebliche Problem, dass Frauen nicht mitgemeint sind, kaschiert.

Aber dass man eine Gelegenheit die Frage zu diskutieren auslässt, und stattdessen andere Gründe vorgibt zu haben, wäre neu.

Zu dieser, vielleicht etwas gewagten Erklärung, passt, dass A.S. schon einmal einen Kommentar von mir unterdrückt hat, und zwar genau zu dem Thema generisches Maskulinum.

*apropos Bus: Übrigens: Wer sollte keinen Blutalkoholgehalt von 0,5 Promille oder mehr haben – der Busfahrer oder der Busfahrende?

Update: Die FAZ hat es auch bemerkt.

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