– 30 Jahre FSF – 

(FSF:= Free Software Foundation)

30-jahre-fsf

Montag war wohl der richtige Jahrestag, aber die Produktion hat länger gedauert als veranschlagt, die Idee kam auch erst spät, die Modelle mussten erstmal gesucht und gebucht werden, das Equipment beschafft. 

In den Anfängen des Computers, den 60er/70er-Jahren gab es nur wenige Großrechner, exorbitant teuer, wenige Universitäten hatten einen und über Softwarekosten machte man sich keine Gedanken. Unter Programmierer herrschte eine fröhliche, freie Austauschkultur – man gab weiter was man hatte und keiner dachte an Lizenzen.

Dies änderte sich in den 80er-Jahren, ein gewisser Bill Gates betrat die Bühne, erste Heimcomputer eroberten wohlhabende Haushalte. Richard M. Stallman gründete deswegen das GNU-Projekt, das rekursive Akronym steht für GNU’s not Unix, und hob die GPL, die GNU Public License, aus der Taufe. Diese kodifizierte die alten Tugenden die im wesentlichen sind:

  • Man darf die Software uneingeschränkt benutzen
  • Man darf den Quellcode studieren und nach eigenem Gusto ändern
  • Man darf die Software frei verbreiten
  • Man darf auch die geänderte Software frei unter der gleichen Lizenz weiterverbreiten

Bald gab es eine große Menge nützlicher Tools unter dieser Lizenz mit info coreutils kann sich jeder Linuxuser auf der Kommandozeile einen Überblick über viele davon verschaffen, die meisten davon stammen in ihrer Kernfunktionalität noch aus der Ursuppe. Mit GCC gab es einen Compiler, den GNU-C-Compiler und so konnte die Erfolgsstory beginnen. (Die Atari- und Commodoresysteme lasse ich mal unter den Tisch fallen).

Was lange fehlte war ein Betriebssystem, das ebenso frei war. 1990 wurde durch Linus Thorvald die Lücke geschlossen und Linux unter der GPL veröffentlicht.

Wann der Grafikserver X (X11, Xorg, …) die Bühne betrat weiß ich nicht. Linux war jedenfalls ein Unixclone, d.h. es verhielt sich nach außen genauso, auch wenn der Code dafür neu geschrieben war. Kommerzielle, proprietäre Unixe sind/waren etwa HP-UX von HP, Solaris von Sun und andere, dem Heimanwender i.d.R. völlig unbekannt. Da Unix ein ausgereiftes, netzwerkfähiges System war, war Linux auch viel früher Internettauglich als das ungleich populärere Windows, welches bis 3.0 meiner Erinnerung nach nicht netzwerktauglich war.

gnu

Mit apache war früh ein Internetserver verfügbar, und so trat Linux als Serversystem einen Siegeszug an. Windows dagegen verbreitete sich auf dem Client, also den Geräten in Büros und Zuhause, begünstigt dadurch, dass eine Verfolgung von Lizenzverstößen im Privatsektor quasi nicht stattfand. Als die ersten Gängelungen mit Registrierungsnummern begannen, Ende der 90er, war es quasi schon Standard.

Dafür fingen sich die Anwender weitere Zumutungen ein. Verkrüppelte Modems und Drucker kamen auf den Markt, in denen keine anständige Hard- und Software werkelte, sondern die Arbeit an das, bei Windowsusern chronisch unterdimensionierte Betriebssystem ausgelagert wurde, wo Closed-Source-Treiber die Arbeit erledigen mussten. Nicht nur war man damit an das proprietäre OS gebunden – man musste auch hoffen, dass der billige Klump von der nächsten Version weiterhin unterstützt wird.

Ähnlich verheerend sieht die Gängelung mit den Officeprodukten aus diesem Haus aus. Alle Nase lang kommen ein paar Neuerungen und Umbauten hinzu, das neue Programm kann die alten Formate importieren aber das alte Programm die neuen nicht. Wer seine Dateien austauscht mit anderen wird so gezwungen immer wieder neu zu kaufen.

Unter Linux dagegen herrscht die fröhliche Nachhaltigkeit. Mein SW-Laserdrucker, zugegeben nicht der schnellste und leiseste, aber auch selten benötigt, ist ein HP4+, über Netzwerkanschluß am Router hängend druckt mit 600dpi und für mich reicht das völlig. Baujahr – raten Sie mal – 1990. Außerdem habe ich einen mittlerweile betagten Scanner, der nach wie vor unterstützt wird. Aktuelle Geräte wären deutlich kleiner und haben wohl auch meist WLAN heute; Ebay ist währenddessen voll von tadellos funktionierenden Geräten, die aber seit Windows 7, 8 oder 10 nicht mehr unterstützt werden. Wegwerfen und neu kaufen! Tja – oder zu Linux wechseln.

Mit Windows kam auch die Viren- und Schadsoftware-Epedemie. Da die Leute viel Software schwarz benutzten wurde eifrig aus dubiosen Quellen Software organisiert. Diese oder der Installer enthielt dann oft Viren, Hintertüren, Trojaner, Würmer usw. Dagegen hat sich auf Linuxclients keine Malware nennenswert ausbreiten können. Manche schieben das auch auf die früh etablierte Trennung des Administrators (Root) von den Usern (Stefan), Doch einerseits muss man Softwareinstallationen unter Linux auch als Root durchführen, und Mailanhänge, die man unbedarft ausführt, könnten in den Daten des Users auch verheerendes anrichten, sowie sich einrichten und von da aus die Ausweitung ihrer Rechte vorantreiben (privilege escalation). Ein anderes Argument ist, dass Linux so schwach verbreitet ist, dass es kein lohnendes Ziel sei. Dagegen spricht, dass Windows schon zu Beginn der 90er ein lohnendes Ziel war, als es in absoluten Zahlen so viel weniger Rechner gab, dass heute die Zahl der Linuxkisten sicher höher ist, als damals die der Dosboxen.

Ich meine, dass die Softwarebeschaffung aus vertrauenswürdigen Quellen unter Linux den Ausschlag dafür gab und gibt, dass man hier praktisch malware-sicher ist.

Leider haben die Anwender die Entfesselung aus den Klauen der Softwarekonzerne nicht in Massen und nicht konsequent mitgemacht. Oft wird Firefox zum Browsen benutzt, gelegentlich Libre-Office verwendet. Massig zum Einsatz kommt Linux zwar als Android auf den epidemisch gewordenen Smartphones, aber hier ist die Hardware oft eine Handschelle, die über verschlossene Treiber mit dem System verbunden ist; es ist nicht vorgesehen das System selbst zu verändern und die Änderungen wieder auf das System zu bringen.

Oder E-Books: Das Kopieren und Weitergeben der Inhalte kann man schlecht unterbinden, wenn die Software offen ist und das System so gebaut, dass man veränderte Versiohnen der Software wieder auf das Gerät zurückspielen kann. Dabei ist die Modularisierung von Linux eine seiner Stärken – abgespeckte Versionen laufen auf einem Rasperry-π, aber auch die großen Eisen, Großrechner und Supercomputer laufen mit Linux. In geschlossener Hardware (Router, Mediaplayer, Set-Top-Boxen, Navigationssystemen, VWs, …) sieht man nicht, ob Linux darin läuft und man hat vergleichsweise wenig davon – vielleicht billigere Entwicklungskosten und daher Endpreise. 

In der Natur der Sache liegt es, dass fast die ganze, freie Software, die unter Linux läuft, auch auf Windowssystemen laufen kann und läuft – nicht die Programme, so wie sie sind, aber durch Neukompilierung, da der Quellcode ja frei ist. So gibt es nur ein paar systemnahe Programme wie top, ps, lshw, die eng mit dem System verbunden sind, und die nicht für Windows existieren. Umgekehrt dagegen gibt es viel Software, die nur für Windows verfügbar ist.

Lange Zeit galt als umstritten, was Freie Software für die Sicherheit bedeutet. Die einen meinen, dass man in offener Software leichter Fehler finden kann, als in geschlossener, und die anderen meinen das auch, aber dass diese Fehler daher nicht nur gefunden sondern auch gefixt werden. Letztes Jahr wurde der Heartbleed-Bug öffentlich. Nicht einfach ein Bug, sondern ein Bug in einer auf breiter Front verwendeten Serversoftwarebibliothek. Dass die Software einsehbar ist ist also noch keine Garantie dafür, dass gutwillige, verantwortliche Leutte das auch tun. Allerdings weiß ich auch nicht, wie der Bug gefunden wurde, durch Studium des Quellcodes oder weil ein fehlerhaftes Programm den Fehler von SSL auslöste, und dann mit der Reaktion nicht klarkam, und so den Fehler aufdeckte – eine solche Entdeckung kann bei geschlossener Software auch passieren.

Neben eingebetteten, geschlossenen Systemen gibt es eine weitere Bedrohung für Open Source: Die Verlagerung von Software auf den Server. Heute schon läuft massig Software auf entfernten Servern, bei denen das Betriebssytem Linux ist, die Datenbank ist vielleicht Postgresql, der Webserver Apache und die Anwendung ist ein auf zig freien Javabibliotheken beruhendes Programm. Aber da das Programm nicht weitergegeben wird muss auch der Quellcode nicht veröffentlicht werden. Das schützt den Annbieter zwar vor Konkurrenz, aber Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft.

Ein Beispiel, wo mir freie Software fehlt, ist beispielsweise meine Digicam. Man könnte sie auf ein Stativ setzen, und das Display schwarz schalten, und dann eine Zeitrafferaufnahme machen, bei der die Kamera alle 10 Minuten ein Bild macht, und das über 2 Wochen. Alles notwenige an Hardware ist bereits da, und auch von der Software ansteuerbar; es gibt etwa Zeitstempel und beim Selbstauslöser kann man zw. 2 und 10s Verzögerung wählen. Aber die Funktion gibt es nicht und neue Kamerasoftware selbst aufspielen ist nicht. Wie schade.

3-pinguine-im-Schnee

Anderes Beispiel, Fahrradcomputer: Das Gerät kann man in die Anzeige eines Wertes schalten wie Fahrzeit, zurückgelegte Kilometer, Maximalgeschwindigkeit usw. oder in einen von zwei Zyklen, der kleine mit (Tages-)Fahrzeit, Tageskilometer, Gesamtkilometer, Maximalgeschwindigkeit, der größere Zyklus mit Kalorienverbrauch aktuell, Kalorienverbrauch gesamt und ähnlichem Klamauk. Temperatur und Uhrzeit sind nicht im Zyklus, die Uhrzeit reinzunehmen und die andere Werte rauszuschmeißen ist leider nicht möglich, oder die Tastenkombinationen um umzuschalten. Aber man kann auf ein zweites Rad umschalten, das ich zwar hätte, aber keinen Impulsabnehmer. Umprogrammierbar ist da nix, geschlossene Software, Pech gehabt.

Wie schade.

C'est n'est pas un Fisch ohne Fahrrad

Schade auch, dass man sich nicht entschlossen hat in Schulen und der öffentlichen Verwaltung nur auf Open Source zu setzen. Die Hardware ist teuer genug. Was man an Office-Programmen wie Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentationssoftware lernen kann kann man auch mit freier Software lernen. Entscheidend sind ja die Konzepte, Ob ein Eintrag im Menü ‚Lesezeichen‘ oder ‚Favoriten‘ heißt, das lernt man in kürzester Zeit, wenn man es braucht. Wer mit Industriestandards argumentieren will: Ja, Flexibilität ist auch einer, und wieso sollten Unternehmen nicht Libre Office einsetzen? Außerdem ändert sich die Benutzerführung bei proprietärer Software auch mal von Version zu Version.

In der öffentlichen Verwaltung würde ich nur Ausschreibungen machen, bei der die Firma, die den Zuschlag bekommt, das Produkt unter eine freie Lizenz stellen muss, so dass andere Verwaltungen diese übernehmen können. Was macht hier der Bund der Steuerzahler? Tief schlafen, nehme ich an. Man könnte solche Software sogar international teilen und müsste manchmal nur die Texte übersetzen. Wird der Dienstleister zu teuer kann ein anderes Unternehmen die Software weiterpflegen, oder man baut selbst das Know-How für Erweiterungen und Aktualisierungen auf.

Stattdessen subventioniert man wohl lieber Großkonzerne. Wir erinnern uns mit wohligem Schauder an das Mautdebakel. Auch PKW-Steuerungen könnten quelloffen sein, um prüfen zu können, ob geschummelt wird. Und seit den Enthüllungen Snowdens muss man eigentlich jegliche Verwendung geschlossener Software, ob in Firma, Regierung, staatlichen Institutionen oder privat.

Stattdessen heißt es allenthalben: Schlag mich, beiß mich, gib mir Tiernamen.

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