– Der Petzbutton – 

selbstzensur

Mein Lektorat hat mich schon darauf hingewiesen, dass es nicht „80ies“ heißt, sondern „80s“, aber da das Original verschütt gegangen ist und ich den Aufwand scheue lasse ich diesen Archivfund unkorrigiert. Ist ja eh nicht ganz taufrisch. Angelehnt war es an eine Werbung der 80er für die Bundeswur.

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Brandwolke der Turnhalle Berlin/Wittenau, Ursache des Brandes noch ungeklärt. UPDATE, Sa. 29.8.2015: lt. Inforadio haben zündelnde Kinder den Brand verursacht – man ist erleichtert. Die nachmittägliche Uhrzeit sprach eigentlich gegen rechte Brandstifter, die m.W. bislang v.a. nachts unterwegs waren.

Heute forderte Anke Domscheid-Berg, wie das Inforadio berichtete, wir Bürger sollten rechte Hetze bei Facebook, Twitter und Co. (WordPress zählt dann wohl zu Co.) konsequent melden und als Reaktion auf schleppende Bearbeitung oder Untätigkeit die unangenehmen Sprüche neben der eingeblendeten Werbung von Unternehmen per Screenshot festhalten, und dann die Firmen anschreiben, ob sie wirklich in so einem Umfeld tätig werden wollen. 

Daran gefällt mir der kluge Umweg über die Berücksichtigung der Geldströme, aber insgesamt gefällt mir der Stil dennoch nicht, und zwar aus mehreren Gründen.

Wenn man die Dienstebetreiber zur Hilfe ruft, und das nicht 1-2 mal am Tag geschieht, sondern alle paar Minuten sich jemand um die Beiträge kümmern muss – wie soll das gehen, wer soll das bezahlen? Die Dienste verdienen an einem einzelnen Seitenaufruf quasi nichts, Krümel. Nur weil es Millionen Krümel sind kommen erkleckliche Summen zusammen, aber nicht genug, um jede 100. Seite von einem Juristen überwachen zu lassen. Welche Prüfung können denn solche Plattformen wirtschaftlich leisten? Doch nur die oberflächlichsten. Die Folge wird sein, dass berechtigte Kritik, Geschmacklosigkeiten, derbe Sprache mitgesperrt wird – womöglich landet man am Ende bei automatisierten, schwarzen Listen mit Schlüsselwörtern, die man nicht mehr verwenden darf, einer bizarren Form von political correctness die schon heute grassiert, weil es einfacher ist Wörter als den Sinn zu erkennen.

Und man hat es ja nicht mit Automaten zu tun, sondern mit intelligenten Wesen. Man muss kein Literaturnobelpreisträger sein, um seine Meinung auf unjustiziable Weise zu äußern und dennoch verstanden zu werden.

Das Internet erlaubt auch Personen, die Schwierigkeiten hätten einen Fotokopierer zu finanzieren, Aussagen weltweit zu publizieren. Nachdem viele Jugendliche und Erwachsene auf die harte Tour lernen mussten, dass es Urheber- und Verwertungsrechte gibt ist es nun soweit, dass Volksverhetzung, Beleidigung und Bedrohung auf den nationalen Lehrplan gesetzt werden müssen. Die Gefahr besteht aber, dass man die falschen Institutionen entscheiden lässt, was geht und was nicht.

Die Einstellung der Leute lässt sich so wohl kaum ändern – nur die öffentliche Sichtbarkeit. Ja, Mitläufer, die starke Sprüche reißen wenn sie alle reißen, und wenn alle schweigen auch mitschweigen – die kann man auf Linie bringen und da sind die Politiker auch groß drin. Besser wäre, die Leute würden lernen zu streiten und sich argumentativ auseinanderzusetzen.

rote-linie

Rote Linien mögen nötig sein. Ein neues Volk kann sich die Regierung nicht wählen und neue User die Internetkonzerne nicht. Aber die nächsten Wahlen werden kommen, und wenn ich ein Asylkritiker wäre wüsste ich, wen ich wählen muss.

Ein anderer Fall von Zensur ist der einer Plasberg-Diskussionssendung („Hart aber Fair“, Sendeplatz: Montag, ARD, bekannt für die Institution des Faktenchecks) vom März, wo es um die Frage gehen sollte, ob der Feminismus am Ende/in einer Krise sei. Ein halbes Jahr später beschweren sich Frauenräte über die Sendung, und sie wird aus der Mediathek genommen. Es ist nicht so, dass nur Antifeministen in der Sendung waren (die Publizistin Kelle, die Schauspielerin Thomalla und der FDP-Politiker Kubiki), es waren auch 2 Befürworter diverser feministtischer Forderungen in der Sendung, der Grünenpolitiker Hofreiter und die Journalistin Wizorek, die mit der Aufschreikampagne bekannt geworden war, und beide Seiten kamen ausgewogen zu Wort. Es gab keinen Eklat, und man fragt sich, was der Anlass ist sie zu kritisieren.

Angeblich kamen die feministischen Positionen zu schlecht weg. Wer sich die Sendung ansehen will findet sie noch bei YouTube und inzwischen sicherlich auf zahlreichen Festplattten – als wollte man ihr nachträglich zu mehr Aufmerksamkeit verschaffen (Streisandeffekt).

Frau Wizorek erklärte, dass man mit einer Unisextoilette, wie es sie meines Wissens exact 1x im Kreuzberger Rathaus oder Bezirksamt gibt, und die nur mitttels eines Schildes umgewidmet wurde für Personen gemischten/unklaren/außergewöhnlichen Geschlechts wie Transsexuelle, das Problem lösen könne, das Väter mit Töchtern oder Mütter mit Söhnen Anstoß erregen könnten, oder dass man da einen Wickeltisch hinstellen könnte für Männer. Wickeltische kann man natürlich auch auf normalen Männertoiletten platzieren, dafür benötigt man kein Schild und das Problem ist nicht mit einem Schild erledigt. Dieses Gegenargument wurde aber gar nicht gebracht.

Herr Hofreiter behauptete, dass Genderforschung festgestellt hätte, dass Knieoperationen bei Frauen nach dem gleichen Muster ablaufen wie bei Männern, obwohl die Knie signifikante Unterschiede hätten, was zu vermehrten Komplikationen führt. Hier hakten die anderen ein, dass doch Genderforschung immer betont, dass es keine großen biologischen Unterschiede gäbe, sondern Geschlecht v.a. sozial konstruiert sei, und dass diese Unterschiede weg müssten. Eine Übersimplifizierung, aber in der schnellen Abfolge der Stichworte, die Plasberg auf dem Zettel hatte und die Diskutanten im Kopf konnte dieser Knackpunkt der Diskussion nicht differenziert dargelegt werden – ob es nun Genderforscher oder gewöhnliche Humanmediziner waren, die das Problem entdeckten könnte man mal im Faktencheck nachkontrollieren, wenn der noch nicht abgeräumt ist.

Ich meine die Feminismuskritiker hatten am Ende den besseren Eindruck hinterlassen, aber ich bin auch ziemlich im Thema drin und sympathisierte nach dem Diskussionsverlauf eher mit deren Thesen – dass alle Zuschauer den Eindruck hatten wage ich zu bezweifeln.

Sollen solche Entgleisungen wie diese Sendung zukünftig auch per Meldebutton erledigt werden können? Oder vielleicht legt man jede Sendung erst noch ein halbes Jahr lang feministischen Wächterräten vor, den Kirchen am besten auch, dem ADAC und dem DFB.

Ist es richtig Menschen, die sich unreif verhalten wie Kleinkinder zu behandeln?

Sicher können sich Meinungen wie ein Flächenbrand ausweiten. Aber mit dem Hochziehen einer Zensurinfrastruktur kann man einen Flächenbrand nur im Einzelfall verhindern oder aufschieben – wahre Großbrandprävention sieht anders aus. Der Geist der Technik wird auch nicht in die Flasche zurück gehen. Die nächsten Kommunikationsplattformen werden so schnell auftauchen wie Facebook und Twitter. 20 Jahre später wird die Regierung dann sagen, dass das Neuland für sie sei.

Der Politik selbst fehlt jegliche Reife. Bei der nächsten Wahl wird man sehen, wie sich die Wahlkämpfer um die Millionen besorgter Nichtwähler bemühen wird. Sicher wird auch die Vorratsdatenspeicherung in Kürze mit Naziüberwachung legitimiert werden, so wie wir ja auch in Afghanistan sind, um Mädchenschulen zu bauen.

Tell me lies about Vietnam. (Adrian Mitchell)

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