– Tagsüber nicht Fasten! – 

Kein Fasten von 7-18 Uhr

Kein Fasten von 7-18 Uhr

Im Ramadan wird ja von Sonnenauf- bis -untergang gefastet – dieses Schild ordnet an, tagsüber den Gürtel nicht enger zu schnallen, sondern im Gegenteil zu schlemmen.

Für orthodoxe Juden ein Graus kann ich folgendes Rezept empfehlen – man nehme:

Einen Schluck Rapsöl mit einigen Speckwürfeln in den Vok, 2-3 fein gewiegte Zwiebeln dazu, rasch 500 g Hack Schwein & Rind dazu, darauf eine kleine handvoll schwarzer Pfeffer. Soweit ganz konventionell. Ein Löffel scharfe Currypaste und ein Brühwürfel Geschmacksrichtung Rind dazu, sowie 4 Scheiben Rettich gewürfelt mit anrösten. Noch einen halben Eisbergsalat in kleine Schnipsel hinein, dann 500 ml Wasser drauf, aufkochen, 300 ml Milch dazu und Flamme weg, sowie Kartoffelpüree aus der Tüte. Das Salz des Brühwürfels, Wasser und Milch sind passend der Bauanleitung des Pürees entnommen.

Damit habe ich mir sowohl Püristen zum Feind gemacht, die aber leicht das Fertigpüree durch selbstgemachtes ersetzen können. Das ist mehr Arbeit, schmeckt aber, zugegeben, auch besser. Nur lässt dieses die Produktionsweise als Eintopf nicht zu, denn die ganzen Ingredienzien verhindern ja ein problemloses zerstampfen – man müsste dann doch mit 2 Töpfen arbeiten, bevor man alles zusammenpanscht.

Neben dem Schwein, das in Form von Hack und im Speck schon ganz für sich nicht koscher ist gibt es die Regel der Thora, dass man das Kalb nicht in der Milch der Mutter zubereiten soll, was bei Juden die päpstlicher als der Papst sein wollen bis dahin führt, dass sie 2 getrennte Küchen für Fleisch und MIlch haben, sowie getrennte Spülmaschinen usw. Man kann natürlich argumentieren, dass nach Zugabe der Milch das ganze sowieso nicht mehr kocht, sondern nur noch eine Minute durchzieht. Das auch das gemischte Hack zwar mit Rinder-, aber eben nicht mit Kalbshack zubereitet wird. Sicher ist sicher – der Schweinespeck hat die Speise sowieso haram gemacht, da können sich Juden und Moslems in die Arme fallen und ihre Gemeinsamkeiten bejubeln – hallal-lujah!

Eingefleischte Tütensuppenkulinaristen werden aber den Arbeitsaufwand vielleicht scheuen. Mit einer großen Portion gestrudeltem Eis vom Discounter versüßt man sich den Abend – fett und preiswert. :)

Die Ernährung ist ja ein Feld für religionsähnliche Auseinandersetzungen, für Esoterik, Wunschdenken, Wunderglauben und Pseudowissenschaft mit Anschluss an die Pseudomedizin auf der einen Seite, Ökoromantik auf der anderen, so dass man es rasch mit einer Gemengelage sondersgleichen zu tun hat. Heute erst wieder bei Frontal wurde auf bedenkliche Zustände in der Fleischproduktion hingewiesen, die mit dem aktuellen Preisdumping einhergingen, verbunden mit der hilflosen Empfehlung mehr Geld für Essen auszugeben.

Mehr Geld auszugeben ist allerdings in erster Linie mehr Geld das den Besitzer wechselt. Eine Garantie gibt es dafür nicht. Damit erinnert es an alte Opferrituale: Man bekäme 1kg Fleisch für 5 Euro, zahlt aber 2 mehr und erhofft sich dafür eine Art Gegenleistung aus Dankbarkeit. Zumindest kann man behaupten man habe das Mögliche getan.

Als Verbraucher wird man entsprechend bepredigt, dass man für 2 Euro fuffzich kein gesundes Stück Hühnerbein im Kilo erwarten kann – da könne man als Verbraucher auch selbst drauf kommen. Ich frage mich wie? Ich kaufe nicht Küken im großen Stil und betreibe keine Hühnerzucht und Mästung. Woher soll ich wissen was die Heizung eines Stalls kostet, wie viel hundert, tausend oder 10.000 Tiere da versorgt werden, was Wasser und Frischluft, Saubermachen und Tierarzt, Antibiotika, Futter und was weiß ich noch kostet, wie lange man braucht einen solchen Vogel schlachtreif zu bekommen und wie viele Zwischenhändler noch auf ihre Kosten kommen müssen, die Lagerung und Transport übernehmen, Schlachtung und Zerlegung.

Nur aus Erfahrung weiß ich was es bislang kostete – wüsste ich es nicht, so könnten mir auch 25 Euro oder 25 Cent einleuchten.

Eine Plauderrunde bei Plasberg vor einem halben Jahr hatte auch einen Experten da, der erklärte, dass die Freilandeier aus Gruppen mit mehreren tausend Tieren kommen, und dass da keine Hackordnung mehr entstehen kann, es also keine artgerechte Haltung mehr ist, und für Tiere in Bodenhaltung in kleineren Gruppen das Leben vielleicht angenehmer. Das sind solche Einsichten, auf die man nicht unbedingt kommt, als Stadtbewohner.

Eine schwer überprüfbare Aussage ist auch, dass ökologisch produziertes Fleisch besser schmecken und weniger Wasser in der Pfanne verlieren soll. Da müsst man doch häufiger die Möglichkeit einer Blindverkostung haben, um nicht durch die eigene Erwartung sich selbst einzureden, dass das teurere Fleisch auch besser schmeckt. Es wird auch behauptet, dass Tiere, die nicht ordnungsgemäß geschlachtet werden, weil die Betäubung schief geht, Stresshormone ausschütten, und dass das das Fleisch weniger schmackhaft macht.

Das finde ich nicht komplett unglaubwürdig, aber doch ziemlich. Wieso sollte das Fleisch von Hormonen geflutet werden? Das kann man sicher auch ohne Geschmacksprobe mit einem Spektrometer messen, wenn es so ist. Sicher – selbst kleine Dosen eines Aromas können unter Umständen eine große Wirkung haben. In der Natur ist die Flucht vor einem Raubtier aber für Hasilein und Gnu, Reh und Zebra, Büffel, Huhn. Sau und Lamm auch stressig. Dennoch lassen es sich Tiger und Wolf, Bär und Adler, Krokodil und Löwe munden. Dabei verzichten sie sogar in der Regel darauf, das Fleisch ordentlich abhängen zu lassen, auf Grill und Pfanne sowie Öl, Salz und Pfeffer.

Ich wünsche mir hier große Studien mit chemisch/physikalischem Gerät und große Doppelblindstudien. Man muss sich klar machen, dass die Preisunterschiede zwischen Fleisch und Biofleisch von groß bis eklatant reichen, und der Anreiz für Betrug entsprechend groß ist. Dass man dem Tier wünscht auch mal rumzulaufen, die Sonne zu sehen, frisches Gras zu fressen ist natürlich ein Argument das unabhängig vom Geschmack seine Relevanz hat. Der Appell für den hedonistischen Egoisten müsste m.E. nicht sein, und sollte, wenn er kommt, gut abgesichert sein.

Und zum Schild nochmal zurückkommend: Tagsüber nicht fasten heißt nicht, dass man nachts fasten muss. Hat man diese leichte Übung der Logik erfolgreich absolviert darf man nochmal zum Kühlschrank und sich eine weitere Portion Eis genehmigen, auch wenn es dann alle ist, und wir morgen frische Köstlichkeiten benötigen, um uns demonstrativ von Büßern aller Art abzugrenzen.

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2 Gedanken zu „Tagsüber nicht Fasten!

  1. dorotheawagner

    Kleine Korrektur: Es heißt in der Bibel nicht, daß man das Kalb nicht in der Milch der Mutter zubereiten soll, sondern „Du sollst das Böcklein/Zicklein nicht kochen in der Milch seiner Mutter“ (5. Buch Mose, 14,21). Dieses Gebot wird natürlich auf alle wiederkäuenden, paarhufigen Tiere übertragen. Ansonsten bin ich der Meinung, daß derjenige, der von anderen erwartet, daß sie seine Haltung tolerieren, auch selbst diesen anderen gegenüber mehr Toleranz entgegenbringen könnte, anstatt sie (pauschal und unpassend) als orthodox und als Büßer zu verspotten. Und je mehr man nachdenkt, desto mehr Sympathien gewinnt der vegetarische Standpunkt – abgesehen vom subjektiven geschmacklichen Argument haben die Fleischliebhaber wenig, was für sie spricht.

    Antwort
  2. user unknown Autor

    Ja stimmt, das Zicklein. Wäre ich Jude, ich würde es nicht auf andere Tiere übertragen und das Zicklein auch in der Milch der Tante garen. :) Wenn Gott sich nicht deutlich offenbaren kann, dann soll er doch den Papageien erscheinen und ein wenig üben.

    Da hier außer mir wenige Spötter unterwegs sind stellt sich die Frage wo mir Toleranz fehlt. Wer das Zicklein oder Kälbchen anders zubereiten will als ich, der soll ruhig. Das finde ich weniger schlimm als Wirsing zu essen, was in gar keiner Religion tabu ist. Der Spott ist ja eine Form der Wertschätzung – man beschäftigt sich mit diesen Leuten und ihren Ansichten und ermuntert sie, sich zu ändern oder Partei in eigener Sache zu ergreifen. Und orthodoxer oder weniger orthodox soll es auch bei Juden zugehen – manche halten die Nahrungsvorschriften mehr ein, manche weniger.

    Da in unseren Gefilden ein Hungertod nicht zu fürchten ist, ist für die Nahrung das geschmackliche Argument um so wichtiger – es ist also beileibe nicht wenig, was für Fleisch spricht. Und wenn man ein schönes Stück Fleisch vom Grill oder aus der Pfanne genommen und verzehrt hat, dann ist man glücklich und zufrieden – für 4-8 Stunden, dann wächst langsam erneut die Lust darauf, der Schnüffelzinken reckt sich in die Luft, wenn aus einem Küchenfenster Grilldüfte von toten Tieren künden. Vorne, zwischen den Augen, im Hirn richtet sich ein Sensorium aus wie ein Radargerät und will Bekanntschaft schließen.

    Dagegen gegrillte Zuchini oder Dunst vom Broccoli – da muss man schon arg hungrig sein, um solchen Düften nachzusteigen.

    Antwort

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