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»Was tue ich da meinem Sohn eigentlich an?« Die Beschneidung von Jungen und ihre Folgen | Vandenhoeck & Ruprecht – Verlag für wissenschaftliche Literatur

Der reflexartige Antisemitismus-Vorwurf an die Adresse der Beschneidungskritiker, die andauernde historische Verstrickung in die entsetzlichen Folgen des Nationalsozialismus haben der Debatte in Deutschland nicht nur nicht gut getan, sondern erheblichen Schaden zugefügt.

via»Was tue ich da meinem Sohn eigentlich an?« Die Beschneidung von Jungen und ihre Folgen | Vandenhoeck & Ruprecht – Verlag für wissenschaftliche Literatur.

In einem sehr sachlichen aber gleichwohl engagierten Artikel bin ich mit den meisten Aussagen einverstanden, aber hier habe ich andere Erfahrungen gemacht.

Mein Eindruck war, dass viele Diskussionsteilnehmer aus Angst vor Antisemitismusvorwürfen vermieden haben, Partei für die Sache der Kinder zu ergreifen, übersehend, dass diese als Verstümmelte genauso jüdisch sind wie als Partizipierende eines religiösen Rituals. Ungerechtfertigte Vorwürfe kamen zwar hier und da vor, aber nicht so oft dass man von reflexartig sprechen müsste.

Wer aus Angst zu Unrecht als Antisemit bezeichnet zu werden seine Meinung für sich behält, der ist für demokratische Debatten aber wertloser Ballast – er wird als Opportunist sich der Mehrheit anschließen, und ändert insofern nichts am Ausgang der Debatte. Das ist zwar bedauerlich, aber nicht überraschend. Die deutschen Intellektuellen sind halbwegs geübt darin Fettnäpfchen zu vermeiden, und erstklassig darin andere in Fettnäpfchen zu ertappen, aber mutig und geistreich ist der dt. Intellektuelle selten und jenen denen die stromlinienförmige Einfalt auf den Geist geht, fällt meist nichts besseres ein, als aus Trotz geradewegs in ein Fettnäpfchen zu treten.

Aber zurück zum Artikel: Schön, dass jemand am Ball bleibt und den Blick nochmal zurück wirft. Nachdem das Thema einmal hochgekocht ist nimmt man jetzt auch internationale Dispute wahr, man nimmt abweichende Meinungen aus der jüdischen und muslimischen Gemeinde wahr, Diskussionen in Israel und Initiativen der EU oder UN. Das ignorante Gequake, wir würden uns zur Komikernation machen, die Angst nicht in Reih und Glied zu stehen wie eine willhelminische Soldatenfigur wird nicht mehr so leicht verfangen.

Fehlgeleitete Sprüche, dass am dt. Wesen die Welt nicht genesen wolle, so als sei der Antrieb hinter dem Gesetz eine Sehnsucht nach der Schulmeisterrolle, ignorierend, dass dieser Vorwurf jeder Gesetzesänderung gemacht werden kann, denn natürlich will man andere überzeugen etwas anders zu machen als bisher, werden nicht mehr ganz so leicht verfangen.

Die sagenhaft schlechte Debatte würde sich heute vielleicht nicht wiederholen, aber vielleicht würden viele Palavermentarier heute ihre dumme Position von damals verteidigen um nicht als zugeben zu müssen sich geirrt zu haben. Schade, dass kein Verfassungsgerichtsurteil zur Sache ansteht.

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2 Gedanken zu „»Was tue ich da meinem Sohn eigentlich an?«

  1. dorotheawagner

    Ein interessantes Interview, danke für den Link. Ich kann das Dilemma gut verstehen: einerseits das Eintreten für das Recht auf körperliche Unversehrtheit, andererseits die Angst vor dem Vorwurf, man würde die Juden nicht so akzeptieren, wie sie sind und ihnen – bei geänderter Gesetzeslage – gewissermaßen noch einmal zu verstehen geben, daß sie in Deutschland unerwünscht sind. Die Entscheidung pro oder contra Beschneidung ist oft das Ergebnis eines echten Gewissenskonflikts, und wenn ich von mir auf andere schließen darf, fällt sie oft nicht leicht. Ich war zuerst dafür, habe mich aber inzwischen auf die andere Seite geschlagen. Um es mit Immanuel Kant zu sagen: „Aufklärung ist der Ausweg des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Matthias Franz zitiert Michael Wolffsohn, der es so ausgedrückt hat: »Nicht von der Vorhaut hängt das Judentum ab.« Nun ist Wolfssohn zwar als Professor an der Universität der Bundeswehr dem ein oder anderen a priori verdächtig, aber wo er Recht hat, hat er Recht:
    http://www.welt.de/debatte/article108845278/Nicht-die-Beschneidung-macht-den-Juden.htmlhttp://www.welt.de/debatte/article108845278/Nicht-die-Beschneidung-macht-den-Juden.html

    Den größten Anlaß zur Hoffnung gibt die innerjüdische Debatte. Übrigens wette ich, daß die Beschneidung als äußerliches Zeichen des Bundes mit Gott zuerst bei den Juden und erst viel später bei den Muslimen fallen wird.

    Eben noch – ungläubig stauned – bei Wikipedia gelesen: „In den USA wurden gemäß einem Bericht der Agency for Healthcare Research and Quality (AHRQ) im Jahr 2005 landesweit 56 % der männlichen Neugeborenen vor der Entlassung aus der Klinik beschnitten.“
    http://de.wikipedia.org/wiki/Zirkumzision#Gegenwart

    Antwort
  2. user unknown Autor

    Ich weiß zwar jetzt nicht, wo der Unterschied zwischen Gewissensentscheidungen und echten Gewissensentscheidungen liegt, aber halte es oft für Gruppenzwang. Anlässlich der Beschneidungsdebatte habe ich auch 2-3 Videos im Internet angesehen, wo die Eltern aus Mitgefühl mit dem Säugling heulen oder aussehen, als müssten sie die Tränen zurückhalten.

    Zumindest historisch ist mir kein Fall bekannt, dass ein Jude seinen Glauben hätte leugnen und so der Verfolgung durch die Nazis hätte entgehen können. Es ist eine seltsame Gemengelage zwischen Religion, Ethnie, Kultur und vermuteter Rasse, die für die Nazis entscheidend war. Eine intakte Vorhaut hat keinen Nazi interessiert.

    Was ist ein Jude? Herr Wolfsohn sagt so, Herr Graumann so. Für mich soll jeder selbst entscheiden ob er einer sein will. Wer es so definiert, dass er seine unmündigen Söhne am 8. Tag beschneiden muss darf sich aber nicht wundern, dass ich das ablehne. Wir lehnen auch Steinigungen ab, die auch in der Tora großzügig empfohlen werden. Es gibt keine Sonderregeln beim Parken und ich bin kein Antisemit, wenn ich fordere, dass das Parkverbot für jeden gelten muss, ohne Ansehen der Religion, und für Körperverletzung halte ich das für ebenso selbstverständlich.

    Und selbstverständlich ist für mich auch, dass die Verfassung das letzte Wort hat und über allen anderen Normen steht. Dass sich das mit einem allmächtigen Wesen beißt, das unendliche Wonnen verspricht und mit unendlichen Qualen droht ist nicht überraschend, wird aber in unserer Gesellschaft gerne tabuiisiert. Solange es keinen Konflikt gibt mogelt man sich durch, aber die Debatte hat m.E. gezeigt, dass es weder in den Köpfen durchdacht ist, noch dass eine öffentliche Diskussion darüber zu einem Konsens geführt hat.

    Religionsangehörige meinen sie dürften sich über die Gesetze hinwegsetzen, wenn es ihr Glaube verlangt. Und weil ihre Gesetze von Gott kommen sind sie einer rationalen Überprüfung ganz prinzipiell nicht zugänglich. Sie sind ewig.

    Wann die Steinigung und wie aufgegeben wurde ist aber ein Mysterium. Keine Ahnung, welcher Prophet das revidiert hat.

    Was Wetten auf Juden oder Muslime betrifft, so ist in Deutschland jedem Gläubigen freigestellt persönlich heute schon den Bund mit Gott neu zu definieren. Die Muslime haben den Vorteil, dass ihnen kein fester Termin vorgegeben ist. Wer sich mit 18 beschneiden lassen will, dem soll man es nicht verbieten. Bei den Juden dagegen muss es am 8. Tag geschehen. Deswegen feiern die Christen ja auch Jesu Beschneidung am 2. Januar. Nicht mit viel Pomp, aber mehrere Kirchen rühmen sich die Reliquie, die heilige Vorhaut http://de.wikipedia.org/wiki/Heilige_Vorhaut , zu besitzen. Wie erbaulich! :)

    In England und den USA lasssen auch viele Christen und sogar Ungläubige ihre Kinder beschneiden – mal soll es der Onanie vorbeugen, der lange üble Begleiterscheinungen angedichtet wurden, dann soll es der Hygiene dienen, wobei das Gegenteil ja wahrscheinlicher ist, und letztlich gilt es als ästhetischer. Bei jemandem, der es nicht anders kennt, sicher.

    Ich war auch überrascht zu lernen, dass Juden, die gar nicht mehr in die Synagoge gehen ihre Söhne noch beschneiden lassen „weil man das so macht“. Aber es gibt ja auch Millionen Exchristen die sich einen Baum ins Haus holen und Weihnachten Geschenke unter den Verwandten verteilen.

    In Deutschland sind nach der Wiedervereinigung viele Juden aus Russland eingewandert, die nicht beschnitten sind. Ob es in der SU verboten war oder nur nicht opportun weiß ich nicht. Der Sozialismus wollte ja die Religion obsolet machen – gefördert hat er Beschneidungen sicher nicht.

    In Uganda, dem Land, in dem jetzt Homosexualität staatlicherseits verboten wird, ist kürzlich ein Priester samt Täufling ertrunken – er konnte nicht schimmen aber bevorzugte die Ganzkörpertaufe im Fluß. Würden die Christen da riskante Rituale pflegen mit sporadischen Opfern würde ich deren Verbot genauso fordern.

    Antwort

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