Nicht von Halbwissen, sondern von Halbwesen ist die Rede hier.
chirurg-retorte
Frau Sibylle Lewitscharoff ist Büchnerpreisträgerin. Ihre aufklärerische Rede über grauenvolle Homunkuli hielt sie in Dresden, hier ist ein PDF.
Ich zitiere:
„So simpel können nur Menschen denken, die auf die psychische Bedeutung von Ursprungkonstruktionen noch nie einen Gedanken verschwendet haben. Wie verstörend muss es für ein Kind sein, wenn es herausbekommt, welchen Machinationen es seine Existenz verdankt.“
 
Ich kenne so ein Halbwesen, es war bisher für mich die bezaubernde Lilly, aber jetzt sind mir die Augen geöffnet! Es ist in Wahrheit ein gräßliches Monster!
Die psychische Bedeutung von Ursprungskonstruktionen habe ich zwar schonmal mit Gedanken bedacht, aber offenbar den falschen. In unendlicher Weisheit, uns verbildeten heute haushoch überlegen haben die Urväter spinnerte Geschichten ersonnen, von denen wir wissen, dass sie falsch sind – konkret: die Schöpfung von Mann und Frau durch einen Gott – aber nicht weil die, die sich die Geschichten ersannen Poeten, Schriftsteller und Klamaukmacher wie Frau Lewitscharoff selbst waren, die sich langweilten, und sich irgendwas zusammenreimten, wovon dann die interessanteren Produkte über Jahrhunderte tradiert wurden – nein!
Diese präantiken Geschichtenerzähler hatten eine höhere, eine göttliche Eingebung, die ihnen zwar eine womöglich wissenschaftlich falsche Vorstellung vermittelten, aber diese beherbergt einen Bedeutungskern, den uns zu offenbaren Priesterinnen wie Frau Lewitscharoff antreten. Sie legt den Kern der Story offen der da lautet: Künstliche Hilfsmittel bei der Reproduktion sind pfui, sind gräßlich, sind abzulehnen. So, wie Gott uns geschaffen hat, so müssen wir bleiben, heute, morgen und immerdar. Humaner Fortschritt ist Pfusch und Tand, Hybris und Verstiegenheit, kurz: Gotteslästerung.
…wie sie seit Jahrtausenden vorkommt und in den Schöpfungsmythen bearbeitet und verhandelt wird.
Nicht ganz klar wird, ob Frau Lewitscharoff jetzt von einer Männerrippe erzeugt wurde oder aus einem Lehmklumpen.
Für das Kind wäre es der Horror nicht in einem Kleiderschrank ordentlich herbeigefickt worden zu sein, oder auf der Rückbank eines VW-Golf. Sproß einer verirrten Romanze von zwei Stunden im Suff nach der Disco vielleicht, sich einsam gefühlt, etwas Wärme gesucht, eine so la la Nacht gehabt und dann von der Umwelt an Abtreibung gehindert – mit guten Worten, Jesus und Gebeten. 
Was qualifiziert die Frau überhaupt über die Psyche zu sprechen? Ihr Theologiestudium? Es gehört dringend abgeschafft, dass an deutschen Universitäten solcher Hokuspokus weiter unterrichtet wird – jetzt kommt auch noch in Traunstein Homöopathie dazu! Auch gehören die Theologen mit derben Knüppeln aus den Ethikräten vertrieben, in denen sie offensichtlich falsch aufgehoben sind.
Sie berichtet davon, dass ein künstlich gezeugtes Kind traumatisiert werden muss, wenn es erfährt, dass Reagenzgläser im Spiel waren. Huh! Huh! Reagenzgläser! Wie böse! Man stelle sich vor! Und sterile Ärzte im weißen Kittel!
Was ist denn mit Kindern die unter künstlichem Einsatz von Heinomusik gezeugt wurden, mit künstlich erzeugtem Alkohol, in künstlich erwärmten Wohngebäuden?
Ich mag mir meine eigenen Eltern, die noch keine Retorte kannten, nicht vorstellen, wie sie zusammen rammeln – wer will das schon? Als ob man das zum Lebensglück bräuchte. Sicher – heute kann es sogar mit einer Webcam aufgezeichnet werden, so dass man es dem Sproß zeigen könnte, aber von Leuten, die das tun habe ich noch nichts gehört.
Der Kinderwunsch der sich nicht wie von selbst erfüllt während man lustige Dinge treibt, schwitzt, stöhnt und zuckt, wenn die Haut rot anläuft weil der Kreislauf in Schwung gerät, der ist meist bewusster gewählt, was sie auch selbst sagt, oft über Monate, Jahre, in denen es nicht klappt, was sie nicht sagt. Es ist eine ziemliche Strapaze auf dem Weg zu einem Kind zu kommen. Sie berichtet stattdessen von Katalogen in denen man Nobelpreisträger auswählen kann und weiß von Rassemerkmalen zu berichten, die man sich aussuchen kann – bemerkenswert, wo doch kein vernünftiger Mensch mehr von Menschenrassen redet.
Zu Beginn der Rede gibt sie ein paar Hinweise, woher ihr Hass auf die Medizin vielleicht wirklich herrührt, aber das überreißt sie nicht.
Oh, ich bin wütend!
Aber jetzt werden sich flugs Christen finden, die mit dem gleichen Buch das Gegenteil behaupten, und es wird sie nicht eine Minute nachdenken lassen, was ein Buch, ein Verfahren wert ist, das so in die Beliebigkeit des Interpreten stellt, herauszulesen was man herauslesen will. Es wird ein Streit geben nicht über das, was moralisch richtig ist, sondern was die richtige Interpretation der Schrift ist, nicht merkend, dass der urteilende Geist im eigenen Kopf liegt und nicht auf dem Tisch zwischen zwei Buchdeckeln!
Es ist eine Zumutung wenn Leute heute immer noch meinen, sie dürfen ihre Religion wie eine vollgeschissene Unterhose auf den Argumentatiionstisch legen, um abweichende Meinungsträger zu vertreiben, denn so sehr sie behauptet ihre Argumente an eine jüdisch-christliche Religion zurückzubinden, die es natürlich sowenig gibt wie eine christlich-muslimische, so sehr mangelt ihrer Argumentation der rote Faden.
Sie führt die Erbsünde an, um zu beklagen, dass selbst ein Baby im Brutkasten davon belastet ist, erklärt, dass es im Gegensatz zu Erwachsenen noch nichts auf dem Kerbholz hat außer jener, dass aber Schmerzen bei Erwachsenen keine Strafe Gottes seien, wie das Beispiel Hiobs zeige.
Andere Geschichten der Bibel, in denen Gott sehr wohl für Sünden straft, unterschlägt sie dabei willkürlich und läßt uns auch auf der Erbsünde ratlos sitzen.
Erwachsene hätten eine höhere Leidensfähigkeit weiß sie zu berichten – ihre Glaubensgenossen haben uns zur Beschneidungsdebatte noch erzählt, dass Babies Schmerzen quasi nicht mitbekommen, so dass man so früh wie möglich die Vorhaut amputieren soll.
Sie versichert den §218 nicht wieder einführen zu wollen, offenbar nicht wissend, dass es diesen Paragraphen gibt und was darin steht. Sie gruselt uns mit der Behauptung Föten würden teilweise regelrecht im Mutterleib geschlachtet.
Auch tritt sie uns als Expertin für Traumatisierung durch Abtreibung entgegen, aber auch hier wird unklar mit welchem Ziel. Warnung vor Sünde und Hölle, offenbar, wenn sie die Fristenlösung nicht angreifen will, auch wenn sie nicht weiß wie diese geregelt ist, und dass es §218 noch gibt.
Zum Ende beschwört sie das Problem, dass Frauen sich eine riesige Bürde aufladen, wenn sie ein Katalogkind bestellen, etwa als Nobelpreisträgerkind, dass auch wirklich ein solcher aus dem Kind werden kann. Sie findet dass der Mensch bescheiden und demütig sein soll, und es ganz Gott überlassen muss, ob es Nobelpreisträger gibt oder nicht, ob es ein Olympiasieger oder nicht.
Dass es den Eltern darum geht überhaupt ein Kind zu haben, das kann sie sich offenbar gar nicht vorstellen. Aber man weiß nie so recht woran man mit ihr ist, denn sie sagt dann selbst im nächsten Satz man werde ihr vorwerfen sich nicht mit der Lage auszukennen, und dass es hierzulande keine solchen Kataloge gibt. Dafür gibt es aber solche Kataloge in den USA, sagt sie.
So spielt sie immer wieder Ängste an, um sie zu dementieren, aber dann doch nur halb. Sie fordert nichts aber findet gräßlich. Sie ist nicht gegen Abtreibung und malt dann Horrorbilder.

Hat das Schicksal seine Hand im Spiel, ob und in welcher Form ein Kind zur Welt kommt, sind die Eltern, ist die Mutter wenigstens ein klein wenig entlastet, wenn das Kind nicht gar so hübsch aussieht, wie gewünscht, wenn es nicht gar so intelligent seine Schulaufgaben löst, wie erhofft. Die Verantwortung, die Eltern heute in unserer modernen Gesellschaft tragen müssen, die fortlaufend bestrebt ist, keine höhere Macht mehr anzuerkennen als nur die Macht des Menschen, ist sowieso enorm. Bleibt nur ein Mensch für diese Verantwortung übrig, nämlich die Mutter, ist der krankmachende Schaden für ein Kind fast programmiert.

Das Schicksal, kommt es von Gott und wird als solches aktzeptiert, ist meist harmlos, auch wenn sie uns das Kind im Brutkasten noch als Gegenbeispiel präsentiert hat. Eine Mutter, deren Mann im Krieg blieb, wird auch als unbedenklich eingestuft, weil Gott den Mann in den Himmel nahm oder die Hölle stieß – die Mutter hat sich nicht ausgesucht allein ein Kind groß zu ziehen. Heute aber, so suggeriert sie, werden Singlefrauen aus eigenem Antrieb mit Sperma aus dem Katalog schwanger, tragen die Verantwortung für alles und daraus ergibt sich dann ein krankmachender Schaden. Wieso? Ein Kind, das von selbst hässlich ist oder dumm ist kein Schaden – nur wenn die Mutter gescheitert ist, weil sie es vergeblich qua Katalog besser planen wollte.
Welch verschrobene Argumentation! Erst die Unterstellung es ginge v.a. um Intelligenz und Schönheit, nicht um vermeidbare Erbkrankheiten. Dann die unerklärte Gewissheit, dass es aber schiefgeht und das Kind doch dumm und häßlich wird – wieso eigentlich?
Was Spinner und Sektierer als Märchen kolportieren, dass versammelt sich bei unserer Büchnerpreisträgerin zu einem langen Alptraum, in dem die Horror aneinandergekettet sind wie die Schreckfiguren in der Geisterbahn. Hastig zum nächsten, bevor ein Gedanke die Geister analysieren kann.
Unschlüssig bin ich noch bei diesem Satz:

Den jüngsten Fall eines Mädchens in Köln, das von einer Klinik in katholischer Hand abgewiesen wurde, weil es nach einer Vergewaltigung auf Nummer sicher gehen wollte, dass aus diesem Frevel kein Kind entstehen kann, finde ich skandalös.

Evangelikale in den USA behaupten allen Ernstes, dass eine Frau nach einer Vergewaltigung nur dann schwanger werden kann, wenn es ihr Spaß gemacht hat. Deswegen sei ein Abtreibungsrecht für Vergewaltigungsopfer nicht nötig – diese seien eben keine solchen, wenn sie schwanger würden. Spielt sie darauf an, mit dem „auf Nummer sicher gehen wollte“? Ich würde doch formulieren „Die nach der Vergewaltigung nicht schwanger werden wollte“. Es klingt doch so, als sei eine Schwangerschaft eigentlich nicht zu befürchten – sie will nur auf Nummer sicher gehen.

Und hier der Link zum Staatsschauspiel Dresden mit Übersicht und Links zur Tonspur der Rede zum Anhören bzw. zum Download .

* Grafik zugefügt. Text hier und da abgewandelt, korrigiert und ergänzt.
** Schatten um Strick zugefügt und Link zur Seite mit dem MP3.

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