Mit mea maxima culpa (lat.: meine große Schuld) zeigte arte gestern eine Dokumentation über einige der vielen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche.

Dies Irae

Symbolfoto zornige Opferente

Es gibt natürlich Missbrauch auch außerhalb der Kirche – man mache sich da nichts vor. Viel im Kreise der lieben Verwandten, wohl weil hier das Vertrauen auch hoch ist, und Gelegenheit macht Diebe – natürlich nicht bei jedem. Man darf ja auch nicht denken, dass jeder Sportlehrer oder Babysitter übergriffig wird. Die meisten werden durch Kinder gar nicht erst gereizt. Aber die wenigen, die auf Kinder und junge Jugendliche ansprechen brauchen natürlich Gelegenheiten, wenn sie diese nicht schon gezielt anstreben.

Die Logik ist also weniger, dass Sportlehrer oder Priester pädosexuell werden, als dass Pädosexuelle Schwimmmeister oder Pfarrer werden.

In besagter Sendung wurde berichtet, wie die Jungen einer Gehörlosenschule als 10, 12, 14jährige beichten  mussten, und nicht nur Mord, Diebstahl und böses Denken über die eigenen Eltern, sondern auch die nach wie vor verurteilten, unkeuschen Gedanken sowie Onanie. Letzteres ließen sich die Beschuldigten en detail schildern und erpressten die Kinder mit dem Höllenfeuer, das doch mal praktisch vorzuführen usw.

Als Kind bin ich selbst mit sanftem aber entschiedenem Druck zum Beichten gezwungen worden. Man kennt ja die Welt nicht als Kind, kennt nicht die Argumente, die Grenzen der Erwachsenen. Man muss sich das so vorstellen, dass eine Gemeindefrau einem beibringt,  was eine Sünde ist, so mit 8, 9 Jahren. Was zu den 10 Geboten zählt, was die 2 Gebote der vielgepriesenen, weil selektiv gelesenen Bergpredigt – dazu ein andermal mehr – betrifft, das muss man beichten, wenn man verstoßen hat. Dazu gehört also andere Götter zu haben – kein kindestypisches Vergehen – Begehren der Frau des Nächsten, Hab und Gut (Spielsachen) des Nächsten, Mord, Diebstahl, Vater und Mutter nicht geehrt haben.

Das mit Vater und Mutter ist ja schon übel schwammig, aber mit wem, wenn nicht den Eltern, hat man denn als Kind ernsthaften Streit? Hier wird man gleich für Gedankenverbrechen sensibilisiert, die George Orwell ja klug aufs Korn nahm. Statt mit dem Kind zu analysieren, wo der Konflikt herkommt, und alternative Lösungsmöglichkeiten zu suchen wird Schuldgefühl gelehrt. Eltern und Pfarrer müssen das natürlich nicht ausnutzen, aber es ist ein  Joker, den sich zumindest früher die Leute nicht scheuten zu spielen.

Ebenso wie das falsche Zeugnis, was abgelegt wird, wider Deine Texte, Bibel! Um ehrlich zu sein, gegen einen der zwei Texte, die die 10 Gebote zum Inhalt haben. Der weniger gebräuchliche spricht tatsächlich von Lüge, aber der bekanntere sagt, man dürfe nicht falsch Zeugnis ablegen wider seinen Nächsten.

Das heißt doch, klein Erna darf lügen und sagen, sie wisse nicht, wer die Schokolade stibitzt habe (obgleich das klebrige Süß noch braun ihre Lippen ziert) – sie darf nur nicht sagen Kevin sei ’s gewesen, wenn es nicht stimmt. Oh, aber wie unpraktisch in der Kinderkontrolle wäre das?

Als Kind wird man also unterwiesen in der Gewissenserforschung und oft von gewissenlosen, professionellen Heuchlern. Das kann was Schönes werden – pragmatische Priester vielleicht. Worauf ich hinauswill …

Die 2, 3 kindgerechten Sünden, wie das mit dem Eltern ehren und Neid auf Spielzeug und Lügen hier und da, die natürlich zahlreich sind, aber nach 2 Tagen auch wieder vergessen – man google mal nach Studien, wie oft der Mensch täglich lügt – also einerseits muss man schon ein paar Lügen vorweisen, um zu beweisen, dass man es ernst meint und sich gewissenhaft erforscht hat, andererseits will man auch nicht 50 Ave-Maria und 10 Pater-Noster im Knien beten.

Begehren die Frau deines Nächsten – tja, was ist das denn? Die Schwester oder der Pfarrer erklärt ’s: Unkeusche Gedanken. Das erklärt erstmal wenig. Man kennt natürlich schon alle Schulhofwitze mit 8 oder 9. Dann ist da dieses Sexkino gewesen mit einer schwarzen Fensterscheibe und einem kleinen Loch mit einem Pseudogeheimnis, das jeder sehen soll. Meine Mutter hat es irgendwie nicht gesehen auf dem Schulweg und ist frei von jeder Spur der Neugier an diesem Fenster vorbeigezogen wie ein Teufel am Weihwasser. Ich weiß nicht, ob ich was gefragt habe, aber es war dann klar, dass es ein Tabu ist und dass es mit schwerer Sünde sehr viel zu tun hat. Und als ich alleine vorbei ging habe ich mich natürlich informiert, was für eine Art Sünde das denn sei, und nach einer halben Minute des Betrachtens der Bilder wusste ich dann, was das ist, Begehren.

Mein Schulweg bekam daraufhin etwas taktisch geplantes.

Allerdings wusste ich nicht, ob die Damen ledig oder verheiratet waren, von wegen „begehren die Frau Deines Nächsten“ – ledige wäre ja ok, aber solch spitzfindige Ausflüchte fand ich damals nicht. Also das war wohl das unkeusche Begehren, aber soviel Taktgefühl so was nicht zu beichten hatte ich dann doch.

Wie erklärt sich eigentlich die mangelnde Sensibilität in den C-Parteien für Datenschutz? Denen ist immer egal, wenn sie überwacht werden – „einer mehr der es weiß“?

Mit dem Alter verfestigte sich aber leider in mir der Glaube, es gäbe wirklich so was wie Sünde, und das unkeusche Gedanken böse sein könnten. Ich verstand nicht wieso, denn es schadete ja niemand, aber da waren all die Erwachsenen, die schon so viel länger darüber nachgedacht haben mussten – die würden ja nicht ohne Grund an so was glauben! Man sieht, ich war noch leicht zu beeindrucken, damals.

Wie oft habe ich die nahende Beichte verflucht, denn wie sollte mir der Pfarrer glauben, dass ich keine schmutzigen Gedanken zu beichten hätte? Er musste ja selbst … oder nicht? Wie machte er das? Aber wollte ich das? Auf unzüchtige Gedanken verzichten? Jetzt hatte ich noch gelernt, dass es sinnlos ist eine Untat zu beichten, wenn man nicht aufrichtig bereut und vorhat die Sünde nicht zu wiederholen.

Eine zeitlang schleppte ich mich lügend durch die Beichte, so nach dem Motto: Ich beichte 8 von 9 Sünden, und die werden vergeben – danach habe ich neben der einen, nicht gebeichteten, noch eine Beichtlüge obendrauf sitzen, aber die kann ich ja, wenn ich innere Klarheit erlangt habe, nachbeichten. Moralisch ein unwürdiges Geschacher und sehr bedenklich.

Die letzten Jahre, als ich merkte, dass eh niemand ernsthaft kontrolliert, ob man beichtet habe ich dann die ganze Beichte ausfallen lassen. Ich war ein halbwegs guter Mensch auch ohne Beichte – das musste reichen.

Erwachsen und von zu Hause ausgezogen fiel dann dieser ganze unselige Ballast von mir ab. Was für ein Blödsinn das gewesen war! Selbstinduzierte Phantome, Dämonen aus dem Nichts, Horrormärchen! Ein Glück hat mich keiner dieser Pfaffen je angefasst! Aber dass so ein Schleimbeutel sich daran weidet, wie ein Kind sich windet seine Gefühle zu verraten, das ist von einer Übelkeit, die überhaupt nur ein Perverser eigentlich wollen kann.

Auf weniger belastende Weise ist auch die restliche Gewissenserforschung bei Kindern eine unerträgliche Übung. Der zivilisierte Rechtsstaat sagt, dass kein Mensch gezwungen werden kann sich selbst zu belasten*. Also wenn Sie Ihre Eltern töten, den Chef oder die Bundeskanzlerin und werden gefasst, und man sagt Ihnen auf die Nase zu „Sie sind ein Mörder!“, dann dürfen Sie lügen und sagen „Nein!“ und Sie dürfen schweigen. Niemand darf gezwungen werden sich selbst zu belasten. Selbst die Eheleute müssen sich nicht gegenseitig belasten. Aber in der Kirche, die sich selbst zu Unrecht als Vorreiter in Sachen Moral sieht, wo sie der Besenwagen ist, da müssen sich Kinder selbst ans Messer liefern.

Dieser Laden ist bis in den Kern verrottet und missraten. Er gehört samt seiner Tempel hinweggefegt.

Die Hirne der Kinder werden verätzt vom Glauben. Es werden bleibende Schäden angerichtet. Wer mit 18 zur Beichte gehen will, der soll es bitte tun, aber für Kinder und Jugendliche gehört es verboten, denn es schädigt mehr als Tabak und Alkohol.

Man sollte, da es das Beichtgeheimnis gibt, alle Beichtstühle verwanzen und kontrollieren, was die Beichtväter da treiben, wenn Kinder beichten. Dann soll man sie einsperren. Ja stimmt – das geht nicht.

Hm. Im Rechtsstaat, der moralisch der Kirche weit voraus ist, etwa 200 Jahre, da gibt es nicht nur das Recht sich selbst nicht zu belasten, sondern auch das Recht auf juristischen Beistand. Das wäre doch auch was für den Beichtstuhl! Man bringt selbst einen Theologen mit als eine Art Anwalt. Der die Winkelzüge kennt und alle Schliche. Kennt die Kirche nicht? Abreißen! Mit Caterpillar und Canzelpuller rein ins Gotteshaus, und die Beichtstühle herausgerissen! Was 1803 von Napoléon nicht vollendet wurde – hier wird es Ereignis! Schadensersatz für 200 Jahre?

Dann muss der Staat zumindest die Beichte für Kinder verbieten. Als Schutz vor Priestern die sich nicht selbst ganz in der Gewalt haben und vom Zölibat vor allem die Schreibweise kennen, die man aber nicht alle einzeln überwachen kann, um die schwarzen Schafe auszusondern. Und um die Kinder vor dieser ehrrührigen, privatsphärenverletzenden, peinlichen Prozedur samt der Nebenwirkung der üblen Selbsterforschung zu bewahren. Oh, mein Zorn, ich will sie vernichten! :)

Was wäre schöner als ein kl., hl. Zorn am Abend, dies irae (Zorn Gottes), wie der Lateiner sagt. Ich opfere jetzt eine Ente (sauer-scharf) um meinen Wünschen Nachdruck zu verleihen.

*) Der Rechtsstaat verschwindet gerade mancherorts, machen Sie mal das Fenster auf, und schauen, ob es auch bei Ihnen schon soweit ist! Etwa im britischen Königreich muss man den Schlüssel für seine verschlüsselten Daten rausrücken und damit könnte man sich natürlich selbst belasten.

5 Gedanken zu „Beichtverbot jetzt!

  1. dorotheawagner

    Noch ein Satz zu Deiner Bemerkung „Die Logik ist also weniger, dass Sportlehrer oder Priester pädosexuell werden, als dass Pädosexuelle Schwimmmeister oder Pfarrer werden.“ Meines Erachtens bietet die Kirche ein wunderbares Mittel an, um tendenziell Pädophile von einer Ausübung ihrer Neigung abzuhalten: das Gebet. Wer betet, kann sich nicht gleichzeitig an Kindern vergehen. Man denke nur an Don Camillo, der sich in den scheinbar banalsten Dingen immer zuerst an Jesus gewandt hat. Nein, das war nicht lächerlich, es war richtig! Daß es in der Kirche Pädophilie gibt, ist kein Fehler der Kirche, sondern der Menschen, die sich trotz gegenteiliger Begehrlichkeiten zum Priesterberuf entscheiden und im entscheidenden Moment statt zu beten sich an Kindern vergreifen.

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    1. user unknown Autor

      Don Camillo ist eine ebenso legendäre Gestalt wie Gott und Jesus. Und hat er nicht, wenn er sich prügeln wollte, das Kreuz einfach umgedreht? Hast Du die Arte-Reportage geschaut? Dort hat sich der Pater wohl während der Beichte an den Kindern vergangen.
      Der Trick funktioniert also offensichtlich nicht, wobei ja auch klar ist, dass niemand 24h betet.

      Hier ist die Sendung wohl noch bis Mo. abend zu sehen.

      Antwort
  2. dorotheawagner

    Es kömmt natürlich darauf an, in den entscheidenden Situationen zu beten. Wer als Pater oder Priester nicht an die Kraft des Gebetes glaubt, der hat den Beruf verfehlt – da sind wir uns sicher einig.

    Antwort
    1. user unknown Autor

      So wie ein Autofahrer neben dem Autofahren sich unterhalten kann, so können offenbar Priester, neben dem Beten, auch noch verschiedenes tun. Zumal viele der Gebete nur runtergeleiert werden.

      Ansonsten ist das Argument eines aus der Kategorie „kein echter Schotte“. Fakt ist, dass es immer wieder Priester gibt, die offenbar entweder nicht oder wenigstens nicht stattdessen beten.

      Ein Priester der nicht an die Kraft des Gebetes glaubt kann auch einfach einer sein mit Erfahrung. Dummerweise sind für einen Priester ja die Berufsaussichten mau, wenn sie vom Glauben abfallen, und so könnte der Anreiz groß sein sich selbst etwas vorzumachen. Bekanntermaßen hat eine Nonne, die als Todesengel von Kalkutta traurige Berühmtheit erreicht hat und heilig gesprochen wurde vor ihrem Tod bekannt, dass sie das ganze Leben nicht an Gott geglaubt hat – sie hat es nur versucht und versucht. Todkranken hat sie Schmerzmittel verweigert, weil sie meinte, dass das Leiden die Leute näher zu Gott führt, aber geglaubt hat sie es nicht.

      Wieso sollte es Priestern besser gehen?

      Antwort

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