Manchmal frage ich mich, welcher dt. Literat noch nicht in Berlin/Schöneberg gewohnt hat. Gestern konnte ich wieder einen Kandidaten streichen, und zwar beim Entsorgen eines alten TV-Geräts (Röhre). Mißtrauische Geister könnten annehmen, dass dies anläßlich der Nokiaübernahme durch Microsoft geschah, aber ganz so sensibel reagiere ich dann doch nicht auf MS-Assoziationen. Der Fernseher war aber, das ist richtig, ein Nokiagerät – ein 40″-Monstersmartphone ohne Internetzugang mit dem man nicht telefonieren konnte, quasi, aber fernsehen. Insbesondere Fernsehen hören konnte man sehr gut mit dem Gerät – ich höre meist Fernsehen und surfe nebenbei im Netz, und wenn jmd. Tor schreit schau ich mir die Zeitlupe an.

Nur zerfloß das Bild schwach nach rechts-links-oben-unten über den Rand hinaus, so dass man etwa beim Videotext nicht sehen konnte, auf welcher Seite man gerade war. Für meine Zwecke gings, aber jetzt habe ich einen gebrauchten Flachbildschirm von Philips bekommen – eine schöne Sache, hätte er nicht zwei hässliche, große Schatten im Bild.

Jedenfalls musste der alte Brummer weg, und nicht weit ist der Sperrmüll – den Fernseher von ca. 30kg das Treppenhaus runtergeschleppt und mit 3 Expandern und einem Gurt auf das Wägelchen eines Einkaufsrollers gespannt, und dann 20-30 Minuten Fußmarsch.

Und auf dem Rückweg stolpere ich quasi über einen abgehalfterten Weihnachtsbaum vor der Naumannstr. 78, und denk mir, das verblog ich! Fotographiere – hier der Beweis:

Bild

Hat sich ja gut gehalten das Ding, für September. Und dann drehe ich mich um, und sehe an der Hauswand die Ehrentafel für Paul Zech, bekannt als seltsamer Hochstapler, der vorgab fremde Texte zu übersetzen, aber dabei oft Eigenschöpfungen unters Volk brachte, ständig seinen Lebenslauf fälschte, einen Doktortitel trug den er nicht hatte, Bücher veruntreute als er Büchereimitarbeiter war, erfundene Reisegeschichten schrieb wie Karl May – eine schillernde Figur und bekannt durch anzügliche Verse, angebliche Übersetzungen von Francois Villon – mangels Französichkenntnissen hatte er aber wohl eine bestehende dt. Übersetzung neu interpretiert und durch eigene Zudichtungen ergänzt.

Auch als SPDler von den Nazis verfolgt, mehr aber wohl wg. der Unterschlagung, heftete die DDR sich Herrn Zech ein wenig an die Brust, auch weil er als Arbeiterdichter tatsächlich Neuland beschritten hatte. Im Westen aber wurde er posthum durch eine kongeniale Interpretation des Villon durch Klaus Kinski berühmt.

Der  Wikipediaartikel zu Zech ist lesenswert. Und besagter Zech lebte also bis zur Machtergreifung der Nazis in der Naumann-78, auch davon ein Foto:

Bild

Besser als der Weihnachtsbaum passt aber das auf dem Bild oben klein auf der Litfaßsäule zu sehende Plakat des Friedrichstadtpalasts mit der Tänzerin zu Zech.

 

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2 Gedanken zu „Paul Zech

  1. dorotheawagner

    „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund – ich schrie mir schon die Lungen wund …“
    Die Zechsche Übertragung von Villon ins Deutsche ist wirklich lesenswert und die Lesung dieser Texte von Klaus Kinski wirklich hörenswert.

    Antwort
  2. user unknown Autor

    Ja.. Leider wird die Freude durch die Mißbrauchsvorwürfe gegen Kinski arg getrübt. Als schwieriger Typ der aber zu extremen Leistungen fähig war hat er mich als Kind verängstigt, als Erwachsenen aber begeistert. Ich habe mich gefragt ob ich seine Untaten erwähnen soll – einerseits gehören sie nicht zum Thema, andererseits will ich nichts unter den Teppich kehren.

    Antwort

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