Bestimmt falsches Bewusstsein das Sein? Auch ihres und Ihres?

Die Sprache, das ist ja so eine Sache. Ich habe Sprache nicht studiert, nichtmal meine Muttersprache, aber was Hören und Lesen betrifft bin ich gar nicht so schlecht. Ich habe 2-3 deutschsprachige Autoren gelesen, darunter sogar echte Nobelpreisträger.katzenampel

In den 70ern bin ich dann freischaffender Feminist geworden und bemühte mich um eine geschlechtergerechte Sprache, überzeugt von 2 oder 3 Artikeln zur Frage, wieso es Hauptmann heißt und wer Frau Hauptmann ist (damals durften Frauen noch nicht zur Bundeswehr) und wieso es Straßenbahnschaffner gibt und Kranfahrer, und diese Begriffe Frauen mitmeinen, selbst wenn es, wie im Westen, keine Straßenbahnschaffnerinnen gibt, aber Wäscherinnen, für die es kein eigenes Wort wie Krankenschwester oder Hebamme gibt, sondern eine Ableitung, nur dass der Wäscher als Beruf nicht existiert, außer als Goldwäscher.

Allerdings zeigte sich bald, dass mitunter Satzungetüme entstehen, wenn man mehrere Alternativen miteinander verkoppeln muss:

Die Schülerinnen und Schüler wählen unter Anleitung ihrer Klassenlehrerin oder ihres Klassenlehrers einen Schüler- und Schülerinnensprecher oder eine Schüler- und Schülerinnensprecherin, der oder die …

Kleine Aufgabe für Fortgeschrittene: Wie macht man in diesem Satz unmißverständlich klar, dass nur eine Person gewählt werden soll, die dann Sprecher oder Sprecherin für alle ist, und nicht etwa 2 Personen gewählt werden sollen, für jedes Geschlecht eine?

Die 80er, 90er und Nullerjahre sind dahingegangen, und auch bei gutem Willen stellt sich kein geschmeidiger Sprachgebrauch ein. Die Mauer ist gefallen, und die Ossis haben sich über Nacht an ihre neu errungenen Freiheiten gewöhnt. Gleichzeitig stehen Frauen auf dem Papier viele Berufe offen, aber sie ergreifen sie nicht.

In Deutschland gibt es kaum Frauen in der Informatik, der Mathematik und der Physik, aber Ärztinnen und Biologinnen. Aber wird der Zugang zum Arztberuf durch die Sprache nicht behindert, zur Informatik doch? Und wenn es 10% Informatikerinnen gibt – wieso lassen die sich von einer ungerechten Sprache nicht am Studium hindern, aber die 40% die zur Gleichverteilung fehlen doch?

Auf dem Chaos-Communication-Congress hielt nun Anatol Stefanowitsch, bekannt durch seinen Blog, einen Talk mit dem Titel Sprache, Ungleichheit und Unfreiheit, an dem ich manches auszusetzen habe, und da dort keine Kommentarmöglichkeit besteht kritisiere ich es hier. Das Video ist noch unbearbeitet (nach 29c3.ex23.de/saal4/29c3-5336-de-saal4-2012-12-30_11-30-sprache_ungleichheit_unfreiheit-2012-12-30… Ausschau halten, es gibt verschiedene avi-Dateien, womöglich in unterschiedlicher Auflösung, andernorts auch Torrents, mp4, mkv-Format und was weiß ich.

Ich war kürzlich schon in eine Diskussion zum gleichen Thema bei Andrea Schaffar verwickelt, sowie bei im Blog Martin Bäkers. Die Problamtik generisches Maskulinum wird bei Belles Lettres nur en passant angerissen, aber wie mir scheint auf recht professionelle Weise, die ich ausdrücklich empfehle.

Was ist nun an Anatol Stefanovitschs Beitrag heikel? Seine Programmierbeispiele könnte man als Beweisführung mittels Analogie brandmarken, aber man kann sie auch als dekoratives Element, um speziell auf einem Hackerkongress ein Wirgefühl zu schaffen, betrachten, dass man einfach nicht sonderlich ernst nehmen darf, und das wohl auch nicht sonderlich ernst gemeint war.

Er kritisiert an der Sprache dass Frauen gezwungen würden zu überlegen, ob sie mitgemeint sind oder nicht, so als ob die Personen, von denen die Rede ist, immer die Adressaten eines Textes wären. Ist das wirklich ein Lapsus, der ihm so passiert ist, und über den er noch nie selbst gestolpert ist? Wieso sollen nicht auch Männer herausgefordert sein zu überlegen, ob Frauen mitgemeint sind?

Dann erklärt er, in Sprachen wie dem Englischen hätte sich die Sprache abgeschliffen, und „de fischer, de fru“ seien nur noch „de“ oder „the“, ohne dass ein Geschlecht noch erkennbar sei, und dieser Prozess sei ganz natürlich – würde man 1000 Jahre warten, so würde dies im Deutschen ebenfalls passieren.

Das ist mir nicht klar geworden. Wieso soll es automatisch hin zu weniger Differenzierung gehen? Natürlich ist an der Sprache ohnhin nichts, außer dass wir unseren Körper gebrauchen, um sie hervorzubringen. Maschinen haben dazu geführt, dass die menschliche Arbeitskraft weitgehend frei geworden ist vom Einsatz körperlicher Kraft, und dass in den meisten Berufen der durchschnittliche Mann der durchschnittlichen Frau in dieser Beziehung nicht mehr vorraus ist. Damit einher geht ein Rollenwandel, dem der einzelne Mann ebenso wehrlos ausgesetzt ist wie die einzelne Frau. Die Möglichkeit die Reproduktion vom Sex zu trennen, und die Aufgabe tradierter Rollenbilder eröffnen vielfältige Möglichkeiten von Partnerschaften, Familien und Verzicht darauf.

Herr Stefanovitsch scheint aber den technischen und ökonomischen Veränderungen wenig Bedeutung beizumessen, wenn er meint die Sprache sei das richtige Werkzeug um mehr Gleichheit zu erreichen.

Das wirkt ein wenig wie die Geldervergabe im Staatshaushalt: Wenn das eigene Ministerium zuständig ist, dann bekommt man dafür Gelder und Mitarbeiter; daher bemüht man sich die Zuständigkeit für soviel als möglich zu bekommen, wie unsinnig auch immer das sein mag. Je größer der eigene Verantwortungsbereich, desto wichtiger ist man. Hängt die ganze Gleichberechtigungsfrage von der Sprache ab, dann ist die Sprache ja super wichtig, und man selbst auch mehr im Zentrum der Macht.

Kurios ist seine Behauptung, dass die unterschiedliche Bedeutung von Masseurin und Masseuse daran festzumachen ist, dass im ersten Fall ein produktiver Prozess die Formen verbindet. Ähnlich argumentiert er, wenn er meint, die Dirn habe sich von der Bedeutung ‚Magd‘, weil es ein erkennbar weiblicher Begriff ist hin zu ‚Dirne‘ im heutigen Sinne, als Prostituierte entwickelt: Weil eine Frau gemeint ist würde der Begriff abgwertet.

Man fragt sich, wo der alte Begriff denn herkommt – fällt er unschuldig vom Himmel? Wieso soll es einige Zeit dauern, bis die Sprecherinnen und Sprecher merken, dass eine Frau bezeichnet wird, um dann eine Abwertung mit dem Begriff zu verbinden, die dann hin zu einem Schimpfwort führt?

Ich halte es da für wesentlich plausibler, dass die Hausangestellten allzuoft in der Situation waren, sich dem Hausherrn auch sexuell dienstbar zu zeigen, und dass dies dann sprachlich verallgemeinert wurde. Dass also die Realität, das Sein, der Sprache, dem Bewusstsein vorausging.

Stefanovitsch sieht nicht, dass rund die Hälfte der Sprecher und Schreiber, der Leser und Hörer selbst Frauen sind. Die Notwendigkeit mit der Kurtisanen und Liebesdienerinnen speziell, und Frauen allgemein abgewertet werden erklärt sich bei ihm nicht. Die Frage ist doch, wieso so viele Männer Prostitution in Anspruch nehmen, aber schlecht von Prostituierten denken. Und wieso Frauen, die den Kindern doch die Muttersprache vermitteln, Frauen ständig abwerten sollten.

Mochte man früher glauben, dass Huren die heilige Ehe zerstören, in dem sie zum Ehebruch einladen, so kann man doch heute fragen, ob sie nicht häufiger Ehen vor dem Bruch bewahren.

Man muss auch die Prostitution nicht für einen erstrebenswerten Beruf halten, um denen, die ihm nachgehen, dennoch mit Respekt zu begegnen. Wir sehen hier eine Heuchelei am Werk, die so gar nicht zu dem Selbstbild einer Gesellschaft passt, die die Prüderie als lächerlich brandmarkt.

Dem Hedonismus wird unterstellt Triumphe zu feiern, aber die Schimpfwörter sind unverändert solche, die das körperliche und das animalische betreffen.

Ich behaupte nicht, dass die Sprache geschlechtsneutral und gerecht sei, aber ich glaube weder, dass eine systematische, konsequente Reform möglich, noch wünschenswert ist.

Wenn wir nur noch von Mathematikerinnen und Mathematikern reden, von Topmanagerinnen und Topmanagern, dann werden wir trotzdem keine 50:50 Verteilung in den Berufen bekommen.

Wenn wir überall die Formen verdoppeln oder mit Binnen-I und ähnlichem, im wahren Sinne des Wortes unaussprechlichem Zinnober hantieren, dann bekommen wir die hässlichste Sprache der Welt, die sich nur noch von Bürokraten benutzen lässt. Und nur dort setzt sich die gegenderte Sprache ein wenig durch, heute, denn dort lässt sie sich verordnen.

In der direkten Ansprache soll man sich schon die Mühe machen, und „Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ sagen – soviel Zeit hat man, und soviel Papier und Bildschirmplatz auch.

Mit dem kleinen man aufzuräumen, und stattdessen frau oder mensch einzuführen nutzt niemand. Es wird entweder sowenig wahrgenommen wie ein kleines man heute von den meisten Lesern und Hörern, Schreibern und Sprechern, oder es wird jeweils wahrgenommen, und lenkt damit vom Rest des Textes ab, und ist somit eine Sabotage an diesem.

Es gibt eine Avantgarde, die die Sprache von Morgen heute schon verwendet, und diese hat diese Form der Sprachsabotage schon so weit getrieben, dass sie vor lauter Sabotage und Gegensabotage überhaupt nicht mehr handlungsfähig ist, überhaupt keinen Gedanken mehr aufs Papier oder zum Leser bekommt. Es ist nur noch ein zwanghafter Selbstzerfleischungsprozess – urteilen Sie selbst.

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